Subject: OFFENER BRIEF - Bitte weiterleiten Date: Sat, 11 Dec 1999 13:25:07 GMT From: comran@freepages.de (Comran) Organization: T-Online Newsgroups: de.rec.film.misc Offener Brief an alle Programmdirektoren, Filmverleiher, Videotheken, Kinobetreiber sowie die Bundespruefstelle fuer Jugendgefaehrdende Schriften! Mit der ausdruecklichen Bitte um weitere Verbreitung in jeder Form! Zensur, Indizierung und Beschlagnahmung - eine neue Form der Buecherverbrennung? Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren! Es macht beileibe keinen Spass mehr. Kein Tag vergeht, ohne dass die moderne Hexenjagd neue Formen annimmt und die Paranoia und die Zahl der unschuldig Verfolgten zunehmen. Deutschland meint, fuer seine muendigen Buerger oberster Kulturrichter spielen zu muessen. Unser kulturelles Leben ist durch und durch nicht mehr selbstbestimmt. Auch wenn wir die Details kaum noch wahrnehmen, ist der Eingriff immer und ueberall. Mittlerweile ist es schon politisch korrekt, die zu erwartenden Beschraenkungen vorwegzunehmen. Ein Staat, in dem "keine Zensur stattfindet", sorgt fuer das Wohlergehen seiner Buerger, indem er unkontrolliert auf der ihm oberflaechlich bekannten Spitze eines Eisberges ein paar Zufallstreffer zur Beruhigung Ewig-Gestriger landet. So duerfen musikalisch extreme Bands nur hierzulande touren, wenn sie auf einen speziellen Song verzichten, Computerspiele werden fuer den "problematischen" Markt schon vor Herausgabe entschaerft. Aber ich moechte mich an dieser Stelle mal auf die Filmwirtschaft beschraenken, obwohl die Eingriffe in Musik und Freizeitvergnuegen schon bitter genug sind. Seien wir also ehrlich: weiss eigentlich irgendjemand, wieviele Spielfilme niemals in voller Laenge fuer den deutschen Markt synchronisiert wurden? Die Zahl duerfte immens hoch liegen. Nicht umsonst bestehen Sammler und Liebhaber auf auslaendischen Veroeffentlichungen, weil hierzulande naemlich gerne mal ein paar Entschaerfungen vorgenommen werden, um unseren Pruefern zuvorzukommen. Unsere Pruefer, die Mitarbeiter in den Pruefstellen - wer sind die eigentlich? Wohl eine Gruppe Menschen, die uns gemeinem Volk einiges voraushaben: Sie sind moralisch ungemein gefestigt! Sie kennen sich mit allen Gesetzen aus, die es gibt, und sogar noch mit anderen! Sie sind immun gegen jede Form der charakterlichen Beeinflussung! Darueberhinaus sind sie natuerlich unheimlich abgebrueht! Warum das so sein muss? Das ist doch klar! Sie konsumieren schliesslich Tag fuer Tag kistenweise den Schund, der angeblich fuer die Verrohung der Sitten sowie Verfall der Gesellschaft verantwortlich ist und schon mit wenigen Filmen aus normalen Menschen Amoklaeufer macht. Und die Pruefer selbst? Sie bleiben natuerlich voellig immun, denn sie sind ja anders! Macht sie das nicht zu Uebermenschen, die sich gewaltig von uns angeblich so gefaehrdetem Plebs abheben? Das sind sie also, die Leute, die ueber "sauberen Tatort"-Mord und "gefaehrlichen Schund" entscheiden. Die Folge ist Verunsicherung bei denjenigen, deren wirtschaftliches Wohl in irgendeiner Form vom Film abhaengig ist. Schliesslich besteht ja die Gefahr, dass wenn man sich kuenstlerisch zu weit aus dem Fenster lehnt, eine hysterische Mutter, ein aufgebrachter Jugendpfleger oder ein frustrierter Sozialarbeiter, mit einem simplen Brief sich Genugtuung verschaffen will und einen Film mal eben so in den Untergrund verbannt. Die Filmfans haben schon lange aufgegeben, in diesem System eine Logik zu finden. Schliesslich haben wir unsere FSK-Freigaben, die bis "ab 18" hinaufreichen. Also in eine Region, in der wir eigentlich nicht mehr von Jugendlichen sprechen. Die FSK ist an sich eine sinnvolle Sache, denn es ist nicht wirklich jedes Material fuer jedes Alter geeignet. Aber warum wird selbst ueber die FSK hinaus noch geschnitten, indiziert, beschlagnahmt? Ist es nicht so, dass sich eine Bundespruefstelle fuer *jugend*gefaehrdende Schriften mit einer FSK 18 zufriedengeben muesste, oder sollte man das Wort "jugend" aus der Amtsbezeichnung der Wahrheit halber endlich entfernen? Anstatt mit der Indizierung (deren Umsetzung am Objekt in der Gesellschaft oftmals schon quasi-kriminelle Filme vermuten laesst) manchen Filmfans ein verruchtes Image aufzudruecken, wuerde eine weitere FSK-Stufe (z.B. 21) voellig ausreichen - wenn ueberhaupt! Macht es doch ohnehin keinen Unterschied, denn eine Erfolgskontrolle der Umsetzung kann von den Behoerden niemals erbracht werden. Jederzeit besteht die Moeglichkeit, sich beschlagnahmte Filme in der auslaendischen (meist ohnehin laengeren) Fassung legal zu besorgen. Und was den wirklichen Jugendschutz angeht, liegt die Verantwortung einzig und allein bei dem Elternhaus. Also im Endeffekt eine sinnlose, Geld verschlingende Angelegenheit! Dies bemaengelt auch das deutschprachige Ausland, welches - obwohl liberaler - meist keine anderen deutsch synchronisierten Fassungen bekommt als die speziell fuer Deutschland kastrierte Version. Dabei stehen z.B. in der Schweiz Filme im normalen MediaMarkt, die hierzulande bereits unter der Ladentheke verkauft werden muessen. Die absurden Folgen sieht man mittlerweile rot auf weiss in unseren Fernsehzeitungen: Clive Barkers Meisterwerk Hellraiser (Pro7) "stark gekuerzte Fassung!", Cronenberg's Durchbruchfilm Parasitenmoerder (VOX) "um 12 Minuten gekuerzte Fassung!" (ein wirklich harmloser Film der 70er), Der Kuss (Pro7) unterschiedliche Fassungen, harmloser Trash wie Carnosaurus (RTL2) "um 10 Minuten gekuerzt", der Kultfilm Nightmare on Elm Street "FSK16-Schnitt", ein grausam verstuemmelter From Dusk Til Dawn (Pro7) usw.. Ich frage mich, was fuer einen Sinn es macht, 14% des Films einfach herauszuschneiden, obwohl in den meisten Faellen eine FSK-Freigabe vorliegt und sich ueber die Sendezeit eine einfache Gesetzeserfuellung erreichen liesse. Wie ich eingangs schon sagte: es macht einfach keinen Spass mehr! Wenn die Sender nicht einfach nur paranoid sind und sich politisch moeglichst korrekt verhalten wollen, kann es doch eigentlich nur um Kohle, naemlich um die hoeheren Werbeeinnahmen zu frueheren Sendezeiten gehen. Dass dies nicht zutrifft sieht man, wenn man sich die Sendezeiten der geschnittenen Filme (oft nach 0:00 Uhr) anschaut. Selbst vor FSK16-Filmen schreckt die Branche mittlerweile nicht mehr zurueck! Um was geht es dann eigentlich wirklich? Ich glaube kaum, dass die Ausstrahlung einer geschnittenen Fassung (die durch die abrupten Schnitte meistens noch den letzten Funken Filmspass zerstoert) die Einschaltquote nach oben bringt. Bitte, liebe Sendestationen und Programmdirektoren, die Filmwirtschaft ist euer Brot! Also arbeitet nicht mit der Demontage, sondern gegen sie! Hier ist mehr Mut im gesetzlichen Rahmen erforderlich! Die weiteren traurigen Hoehepunkte sieht man in den Aktionen gegen diejenigen, die hierzulande die Fahne des Independent-Films im Allgemeinen oder des Horrorfilms im Speziellen mutig ihm Rahmen der ohnehin engen Gesetze hochhalten. Wieviele Angriffe musste z.B. das ASTRO-Label mittlerweile abwehren (bisher erfolgreich)? Auf wievielen Filmboersen wurden Razzien selbst in den geschlossenen "Nur Erwachsene!"-Raeumen durchgefuehrt? Und wenn man dieser Tage den Blick nach Berlin wendet, erschaudert eine ganze Branche: eine der bundesdeutschen Referenzen des unkommerziellen Films, das Videodrom, wurde - zumindest vorruebergehend - geschlossen! Dabei weiss der Kenner, vom Kunden ueber den Filmstudenten bis zum Liebhaber, dass sich das Videodrom genauso an die ohnehin schon engen Auflagen haelt, wie jedes andere Videohaus auch. Indizierte Filme wurden niemals oeffentlich beworben. Hier herrscht Aktionismus pur. Man kann nur hoffen, dass es zu einem Prozess mit Mustercharakter kommt, der endlich mal Zeichen setzt und der gesamten Branche wieder Luft zum Atmen laesst. Hier werden nur plakativ Schuldige fuer irgendwelche Vorgaenge gesucht, die sich als Alibi-Hinrichtung eignen, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Jugendliche drehen durch, Morddrohungen irgendwelcher hirnverbrannten Teenies gegen Lehrer erschrecken die Oeffentlichkeit. Da muss natuerlich schnell ein Schuldiger her! Also kramt man im Privatleben rum, laesst kaputtes Elternhaus und soziales Umfeld voellig am Rand liegen und stuerzt sich erst einmal auf die CD- und Videoregale der Taeter. Alles, was einem suspekt erscheint, ist als Ursache gerne willkommen. Und wieder heisst es in den Pressemitteilungen: "Man fand Videos mit Gewaltdarstellungen....". Was bitteschoen bedeutet diese Aussage? Wenn ich jetzt eine Dracula-Cassette besitze, faellt das schon unter den Tatbestand des Gewaltvideobesitzes? Ueberhaupt sind diese Informationen genaus wertlos wie die Aussage, dass 80% aller bayrischen Moerder Katholiken seien. Deswegen wuerden wir ja auch nicht den Katholizismus bekaempfen. Es ist an der Zeit zu begreifen, dass wir Freunde des Horrorfilms keine unterbelichteten Arbeitsscheuen, Chipsfressende und Parolenbruellende Monster, Schlaeger oder potentiellen Amoklaeufer sind. In dieser Szene treffen sich genauso alle Schichten wie im oertlichen Tischtennisverein. Es wird Zeit einzusehen, dass Gewaltdarstellung durchaus als kuenstlerischer Ausdruck anerkannt werden und nicht Objekt des Verbotes sein duerfen. Reale Opferszenen aus Nachrichtensendungen oder filmerische Exekutionen wie z.B. zu Beginn bei Leon Der Profi (Pro7, ungekuerzt) bieten ein wesentlich hoeheres Mass an Grausamkeit als die tricktechnische Wiedergabe einer fantastischen Geschichte. Wer mit offenen Augen durch Kirchen geht, wird eine Ansammlung von grausamen Detaildarstellungen finden. Dies ist auf einmal wieder Kultur, und an keinem Gotteshaus prangt der Sticker FSK18. Und wer seine Kindheit noch lebendig bewahrt hat, wird sich sicherlich an Grimms und andere Maerchen oder z.B. die Niebelungensage erinnern, wo detailreich gemetzelt, verbrannt, und ganze Gliedmassen von Schwertern abgetrennt werden. Paedagogisch empfehlenswert und allgemein anerkannt. Es ist was faul, und es muss sich aendern. Kunst im Allgemeinen muss wieder frei, die Indizierung auf ein sinnvolles Mass beschraenkt, und die Beschlagnahmung abgeschafft werden. Fans und Industrie muessen Druck auf den Gesetzgeber ausueben. Die Unsicherheit muss verschwinden und Deutschland aus dem Armutsland fuer Filmliebhaber herausgefuehrt werden. * Comran JEDIS AGAINST COMMERCE! SAVE STARWARS! diverse.freepage.de/comran