Solaris (2002)

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Daß Steven Soderbergh in letzter Zeit am liebsten Klassiker mit George Clooney neu verfilmt, ist nichts neues. Neu ist, daß dieses Remake des Tarkowskij Kult-Klassiker wirklich gelungen ist. Und besonders bemerkenswert ist, daß sich dieses Remake den Status als eigenständiges Meisterwerk erarbeiten kann.

Tarkowskij's Stalker und Solaris gelten als Meilensteine der modernen Filmgeschichte. Tarkowskij's Filme sind langsam, bedächtig, überlang und konzentrieren sich auf das Innenleben der Helden, gespiegelt meist in wässrigen Bildern und langen Fahrten. 1972 übertraf Solaris Kubrick's 2001 bei weitem, und 2002 übertrifft Soderbergh vielleicht das Original. Shinji Ayoma's meisterhafter und elegischer vier Stundenfilm "Eureka" aus dem Jahr 1999 ist formal noch vollkommen Tarkowskji verhaftet, Soderbergh dreht das ganze aber um und probiert von Anfang an ganz etwas neues.

Die Story, eine klassische Erzählung von Stanislaw Lem ist bekannt: Auf dem fernen Planeten Solaris passieren merkwürdige Dinge. Die geheimsten Wünsche des Expeditionsteams vor Ort manifestieren sich, und keiner will mehr heimreisen. Der Held, gespielt von George Clooney, wird hingeschickt, um das aufzuklären, und ihm ergeht es ebenso. Seine Leiche im Keller ist der Selbstmord seiner Frau, die ihm dort wieder begegnet, und er begreift ihr Erscheinen als Chance, das traumatische Erlebnis erneut aufzuarbeiten. Ist diese Frau eine tatsächliche Person oder nur die Idee? Die Projektion eines intelligenten und gedankenlesenden Planeten. Wenn wir jemanden lieben, lieben wir dann die Person oder die Idee? Ist dies jetzt die zweite Chance alle Sünden aufzuarbeiten und zu vergeben? Wenn es nur die Idee einer toten Person ist, ist man dann im Paradies? Kann man jemanden aus dem Paradies entführen? Kann Schuld vergeben werden, und was macht man, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet? Man macht jeden Fehler mindestens zweimal, besser aber maximal zweimal. Mit diesem Tip sollte man das Schlußbild verstehen.
Die Zeile "I never get used to that resurrections" wurde wörtlich übernommen.
Wichtige Sätze, die im Remake vernachläßigt werden, sind etwa folgende. Im Original heißt es: "Why do you look for a solution? There are no solutions, only choices."
Snow: (Tarkowskji/Lem) "I must tell you, that we have no wish to conquer space at all. We want to extent earth to its utmost limits. We don't know what to do with other worlds, we don't need other worlds. We need a mirror. We struggle to make contact and never find it. We are in the stupid position of someone's training towards a goal, which he is afraid of and which he doesn't need. What man needs is man."

Das Remake hält sich zum größten Teil an die Geschichte, Soderbergh als Autor schlichtet die Szenen ein bißchen post-modern um, ist weniger elliptisch, läßt einige klassische SF-Handlungsstränge, wie Horrorelemente und die Geburtstagsszene aus, die durch die bei Tarkowskji unpassende Set Decoration noch am ehesten an 2001 oder Captain Nemo erinnern hätte, und ist trotz des Verlassens der Linearität vielleicht leichter verständlich, verläßt aber das formale Gerüst Tarkowskji's total. Salopp gesagt werden die 165 Minuten des Originals auf 100 Minuten gekürzt, die Einstellungen werden prägnanter und kürzer. Das ist aber maßlose Untertreibung. Übertrieben könnte man sagen, daß Soderbergh mit Solaris einen neuen visuellen Stil kreiert hat, die "Soderbergh Montage".

Durch das übergroße Vorbild motiviert und angetrieben, schert er sich nichts um filmische Sehkonventionen, wie damals Kubrick, und lange scheint unklar, ab das Experiment greift oder nicht. Schon vom Anfang an werden unkommentiert kurze Szenen und Erinnerungsfetzen des Helden gezeigt, die man erst beim zweiten Sehen verstehen kann. Tarkowskji's Einleitung dauert über eine halbe Stunde, die vor allem durch die fantastisch moderne Auto-Einfahrt nach Moskau unvergessen bleibt. Diesen 1972 äußerst überraschenden Moskaubezug kann Soderbergh natürlich nicht übernehmen. Fast jede statische Szene am Anfang wird nach 3 bis 4 Sekunden gegengeschnitten. Clooney ist meistens in der Halbtotale aus verschiedenen Winkeln aufgenommen, oft auch im Anschnitt, im klinisch reinen und räumlich begrenzten SF Setting, wie aus "2001 Odysee im Weltraum" bekannt. Dies verstärkt die subjektive, assoziative Athmosphäre und erlaubt es trotz des Tempos, sich in seiner Gedankenwelt zu verlieren. Tarkowskji braucht dazu fast doppelt so lang. Tarkowskji's Stil mag durch die physische Anstrengung im Kinosessel effektiver sein, Soderbergh's Stil ist ökonomischer, weniger dramatisch als bei Tarkowskji und visuell bahnbrechend. Die Musik ist ähnlich fantastisch wie im Original, mit dem Unterschied, daß das typisch abgelutschte Thomas Newman-Xylophon Thema der letzten Jahre endlich wieder spannend klingt. Cliff Martinez sei Dank. Die anderen Newman Epigonen der letzten Jahre, Mychael Danna, James Horner und Paul Kelly sollten sich das genau anhören. Solaris mag vielleicht an Spielberg's "AI" erinnern, mit dem Unterschied, daß Soderbergh ein guter Regisseur, Kameramann und Autor ist, Spielberg lediglich ein guter Actionregisseur, der sich im Genre vergriff.

Es mag beruhigen sofort zu wissen, daß keine blödsinniger Showdown zum Schluß den Genuß verderben wird. Äußere Action ist nicht das einzige Spannungselement, in Solaris gibt es dergleichen nicht. Genreliebhaber werden enttäuscht sein. Selbst Kubrick befriedigt in 2001 seine Zuseher mit Action, pathetischer Orchestrierung (Richard Strauß' Zarathustra, Johann Strauß' Donau Walzer) und abgehobenem, radikal subjektivem Abschluß. Soderbergh verläßt sich neben der fantastischen Ausstattung alleine auf sein formales Talent und stellt zum Schluß lediglich Fragen neu, die uns zum Umdenken zwingen.

Das wichtige Gedicht aus dem Film "And Death Shall Have No Dominion" von Dylan Thomas, das Soderbergh deutlich beinflußte, mehr als Tarkowskji.

  And death shall have no dominion. 
  Dead men naked they shall be one
  With the man in the wind and the west moon; 
  When their bones are picked clean and the clean bones gone, 
  They shall have stars at elbow and foot; 
  Though they go mad they shall be sane, 
  Though they sink through the sea they shall rise again; 
  Though lovers be lost love shall not; 
  And death shall have no dominion.

  And death shall have no dominion. 
  Under the windings of the sea 
  They lying long shall not die windily; 
  Twisting on racks when sinews give way, 
  Strapped to a wheel, yet they shall not break; 
  Faith in their hands shall snap in two, 
  And the unicorn evils run them through; 
  Split all ends up they shan't crack; 
  And death shall have no dominion. 

  And death shall have no dominion.
  No more may gulls cry at their ears
  Or waves break loud on the seashores;
  Where blew a flower may a flower no more
  Lift its head to the blows of the rain;
  Though they be mad and dead as nails,
  Heads of the characters hammer through daisies;
  Break in the sun till the sun breaks down,
  And death shall have no dominion.
Und selbst nach dem zweiten Mal zieht es einen sofort wieder zurück zum dritten Mal. Tarkowskji's Solaris ist einer meiner Lieblingsfilme, kann man aber nicht so oft anschauen, und ob das Remake einer meiner Lieblingsfilme wird, ist mir das noch nicht ganz klar. Aber kein Film hat mich seit "Eureka" und "Mullholland Dr" dermassen beschäftigt. Eine Schande, daß die Europa Uraufführung nur in Berlin ist (dort geht jeder anspruchsvolle Film unter), und das der Film in Amerika Gift für die Kasse war. Hoffentlich passiert nicht das gleiche wie mit Tom Twyker's "Heaven".

PS: Der Preis für den besten Nebendarsteller 2002 gebührt James Davies für den abgespace'ten "Snow". Kein Vergleich zu Sartorius im Original. Neben Christopher Walken's Kommissar in "Scotland PA" die einzige wirklich überzeugende männliche Nebenrolle dieses Jahr.


Ich wurde dann noch zum Verhältnis Lem - Soderbergh, Buch zu Film gefragt, und hab ein paar Antworten gefunden.

Lem hat selbst eine Website und ein FAQ online:
http://www.cyberiad.info/english/faq/faq.htm#lemremake
und gibt dort Antworten zur Frage, was er zum Remake von Soderbergh hält.

Er selbst hat den Film noch nicht gesehen und kennt das Drehbuch nicht.
Der Film kommt erst nach der Berlinale nach Polen. Er hat aber die amerikanische Kritiken gelesen und sich teils sehr kritisch, teils köstlich amüsiert über die widersprüchliche Aufnahme bei den amerikanischen Medien geäußert. Und er hat einiges falsch aufgefaßt.

Auf die Kritik in der NYT, in der Film als Lovestory oder fast "Romance in outer space" aufgefasst wird, reagiert er ärgerlich: "However, to my best knowledge, the book was not dedicated to erotic problems of people in outer space. Had Solaris dealt with love of a man for a woman - no matter whether on Earth on in Space - it would not have been entitled Solaris! Istvan Csicsery-Ronay, an Americanized Hungarian specializing in literary studies called his analysis "The Book is the Alien". Indeed, in Solaris I attempted to present the problem of an encounter in Space with a form of being that is neither human nor humanoid."

Alles weitere, was er dann noch über die wichtige Rolle der Stofflichkeit des Ozeans auf dem Planeten Solaris sagt, findet meines Erachtens trotzdem seine adäquate Entsprechung im Remake, obwohl dem geheimnisvollen Ozean im Remake an sich nicht so viel literarische Beachtung wie im Buch und bei Tarkowskji geschenkt wird. Soderbergh realisiert den Ozean mehr visuell als wabernden Feuerball auf dem geheimnisvollen Planeten im Hintergrund, und nicht so sehr als nebelhaftes weißes Meer wie bei Tarkowskji. Lem und Tarkowskji stellen den Ozean thematisch in den Vordergrund und betonen durch die Konzentration auf das Stoffliche den wissenschaftlichen Charakter der Mission. Soderbergh konzentriert sich eher auf die Personen. Aber natürlich werden bei ihm die Phänomene auf Solaris modern und wissenschaftlich gedeutet. Das ist von vornherein klar. Da wird harte Strahlung (im Buch nur Strahlen, hier jetzt Higgs Bosonen) als mögliche Gegenwehr in den Raum gestellt. Damit kann man nicht gegen Ideen und Bilder ankämpfen. Die für Lem und Tarkowskji typische dialektische Aufteilung der drei Hauptpersonen in die wissenschaftlich-kritische-sichere, und die idealistisch-emotionelle-unsichere Position, mit dem Helden in der Mitte werden deutlich ausformuliert. Die wissenschaftliche Deutung der Geschichte wird bei Soderbergh nie in Frage gestellt, und ist viel selbstverständlicher als etwa bei Tarkowskji, der eher zu übernatürlicheren Deutungen neigt. Bei Tarkowskji werden etwa die Horrorelemente zelebriert, die der Handlung Spannung aufzwingen (Das Aufbrechen der Türe fehlt bei Soderbergh völlig). Oder vielleicht abschwächender gesagt, bei dessen langwieriger Betrachtung man unweigerlich etwas sentimentaler wird. Keine Angst, Stanislaw!

Und Lem versteigt sich natürlich in die üblichen Hollywood Vorurteile: "Others speculated that while the producer won't make a lot of money and there will be no crowd at the box office, the film belongs to the genre of a more ambitious science fiction - since no one got murdered and neither star wars, nor space-werewolfs nor Schwarzenegger's Terminators were present."

"The Soderbergh movie supposedly has a different, more optimistic finale. If this were the case this would signify a concession to the stereotypes of American thinking regarding science fiction. It seems that these deep, concrete ruts of thinking cannot be avoided: either there is a happy ending or a space catastrophe. This may have been the reason for the touch of disappointment in some of the critics' reviews - they expected the girl created by the ocean to turn into a fury, a witch or a sorceress who would devour the main character, while worms and other filth would crawl out of her intestines."

Über die Deutung des Schlußes mag ich vorab nichts verraten. Lem kann sich aber beruhigen. Ich finde Soderbergh's Schluß fast besser als das Original. Auch die umgedeutete Figur des Snow trägt bei Soderbergh mehr zur Geschichte bei, als im Original.

"Polish distributors obtained a copy of the movie, however I am not that eager to see it."

"Summing up, as Solaris' author I shall allow myself to repeat that I only wanted to create a vision of a human encounter with something that certainly exists, in a mighty manner perhaps, but cannot be reduced to human concepts, ideas or images. This is why the book was entitled Solaris and not Love in Outer Space.

Stanislaw Lem, December 8th, 2002"

Viel davon ist Projektion. Diese Probleme hatte er schon beim Schreiben. Sartorius: (Tarkowskji/Lem) "You are only interested in this romance with your former wife. Do you think lying around all day is doing your duty?"
Snow: (Tarkowskji/Lem) "Don't turn a scientific problem into a bedroom story."

-- 4 von 4 Sternen,
Reini Urban, Radio Helsinki Filmmagazin, Graz