Mulholland Drive Was kommt raus wenn David Lynch eine TV-Serie machen will, die "Twin Peaks" toppen soll? Warum cancelt ABC die Produktion vorzeitig, und warum jubeln trotzdem alle Kritiker? Warum kapiert die Hälfte der Zuseher den Inhalt und alle versteckten Assoziationen nicht (ebensowenig viele Kritiker) und bringen sich damit um die Hälfte des Genusses? Man hört von wüsten und unlogischen Lynch Fantasterien und mag sich noch mit Grauen and Lynch's jenseitige dritte Staffel von Twin Peaks oder "Lost Highway" erinnern. Da helfen nur mehr Außerirdische, wie beim Brückenbauer die sprichwörtliche Himmelsstütze, am besten ein Luftballon der den Mittelteil trägt. Dem allen muß ich widersprechen. Mullholland Drive ist Lynch's erster durchkomponierte und von vorn bis hinten logischste Film, und mit "Wild at Heart" sein bis dato bester. Er wendet alle Tricks der Krimiautoren, wie auch Hitchcock und DePalma an und windet sich in Andeutungen, Assoziationen und verschachtelten Möglichkeiten, aber mit genug Andeutungen für den erfahrenen Leser, der weiß dass nicht der Gärtner sondern der erste Mordverdächtige immer der Mörder ist und alle weiteren Nachforschungen und neue Verdächtigungen das Spiel nur hinterfragen, aber nicht komplett umdeuten können. Genau diese Umdeutung sieht aber unlogischerweise 70% des Publikums und fühlt sich in den letzten dreißig Minuten hintergangen, in der große Versteckspiel kunstvoll und nicht trivial aufgelöst wird. So eine Auflösung ist mir in der ganzen Filmgeschichte noch nicht untergekommen. Lynch schert sich einen Deut um den Seher, die Anspielungen auf Traumsequenzen und Zeitsprünge am Anfang mißverstanden hat, führt sie vielmehr durch verschachelte Träume noch mehr in die Irre. Die Heldin im Traum wacht plötzlich aus ihrem Traum auf. Nur war das jetzt alles ein Traum im Traum, zwei verschachtelte Träume oder nur ein Traum? Es zeigt sich, das der erste und einfachste Deutung zum Ziel führt. Die Andeutung lediglich eine gedankliche Option. Eine Option auf mögliche Fortsetzungen in den Serienfolgen. Mullholland Drive war ja lediglich der Pilot für die Serie. Und da muß es genug Optionen geben. Ein Buch ganz nach den Regeln der schwarzen 40'er Krimis, nach einer wahren Geschichte einer jungen Schauspielerin, hervorragend gespielt von Naomi Watts, die dafür auch in den Vor-Oscar Reigen miteinbezogen wurde. Kleine Anspielungen an die böse Filmbranche, sinistre Symboliken um die Spannung zu verdichten und das Drehbuch zu verdrehen, großartige klassiche Horrorsoundcollagen von Angelo Badalementi, dem man das nicht zugetraut hätte und der auch einen kleinen Gastauftritt hat (der, der immer runterschaut) neben allen anderen wohlbekannten Gästen aus dem Lynch Clan. Sogar Lnych's kleines Lieblingscafe am Sunset Strip wird geehrt. Leider nur eine flache Rolle für die zweite Hauptdarstellerin Laura Elena Harring, aber spätestens da sollte man sich fragen, ob die Darstellerin wirklich so "schlecht" ist, oder das vielmehr der Auftrag des Regisseurs war, die Rolle so anzulegen. Erinnerungen an Personen oder fiktive Figuren sind immer flacher als reale Figuren. Nein, die dunkelhaarige Rita, gespielt von Laura Elena Harring ist nicht fiktiv, es gibt sie wirklich und sie ist die Figur, um die sich alles dreht. Leider. Denn wir konzentrieren uns lieber auf die blonde Naomi Watts, die Figur die den Film trägt und aus deren Sicht uns die Geschichte erzählt wird. Keine besonders verwickelte Geschichte, eigentlich ganz einfach. Aber so einfach will er es uns nicht machen. Das Starlet vom Land das zum Film will, es direkt ohne Umwege schafft, es über Umwege einer Affäre schafft, es nicht schafft. Der flache geheimsvolle Star, der das Starlet ausnutzt, der das junge Ding liebt, betrügt und wegwirft. Der geniale Regisseur, der vom bösen Produzentensystem genötigt wird, dessen Frau ihn betrügt, alles verliert und trotzdem versucht die bessere Luft dort oben zu erhaschen. Aber wie gesagt ist die letzte halbe Stunde für viele ein Problem. Anstatt die Auflösung in einem typischem Showdown zu zelebrieren, setzt Lynch sie an den Anfang und spielt in der Folge mit den Irrwegen der Geschichte und Uminterpretationen, in die er uns führen wollte. Keine leichte Aufgabe. Wir hörten, die Dreharbeiten zur Serie wurden gestoppt, Lynch benötigt Canal Plus, die wieder helfend einspringen und schneidet das Ende zu diesem Spielfilm zusammen, zu einem Ende das statt der Serie die Sache zu einem runden Film binden soll. Keine leichte Aufgabe, wie gesagt. Die meisten wären entweder daran gescheitert, oder hätten uns die Auflösung brav oder wohl eher sinister präsentiert. Lynch entscheidet sich für die dritte Option, für den mündigen Seher, der spätestens seit den dritten Anspielungen auf die Auflösung das ganze kapiert und an diesem Seher wird nun versucht das Offensichtliche zu hinterfragen. Nur sind wir spätestens seit "Memento" geschult genug, nur an Tatsachen und nicht an den Schein und an Interpretationen zu glauben. Neue Figuren erklären plötzlich Schemen von vorher, Motivationen ergeben sich von selbst, die Zeit wird immer linearer, und der Schluß sollte eigentlich alle Fragen beantwortet haben. Nur ist dieser Tour de Force Ritt lange nicht so mathematisch wie "Memento" und wirft lange nicht so viele unbeantwortbare Fragen auf. Äußert sinnlich und mindest so befriedigend. Und ziemlich moralisch. Und noch eines darf ich verraten. Es gibt keinen Mord. In news:de.rec.film.misc hat jemand sogar eine vollständige und eindeutige Auflösung gepostet. Hervorrragend. Neben "Suzhou River" bislang der beste Film des Jahres. Und wird auch noch am Ende des Jahres auf den Top-Ten Listen stehen. Reini Urban ----------- Links: Mullholland Dr. Auflösung news:3C3A3AFE.8BCEFB52@radie.org http://groups.google.com/groups?hl=de&q=Mulholland+Drive+-+Interpretation Memento Auflösungen: http://phys.columbia.edu/~flame/memento/Script.html http://www.salon.com/ent/movies/feature/2001/06/28/memento_analysis/index.html Beide Filme geistern grad digital im gnutella netz herum. (KaZaa, Limewire, edonkey, ...) PS: http://sites.inka.de/alcatraz/retros/losthighway/main.html