[ Mi 20:30 Ö Premiere Gartenbau mit dem kompletten Team ] Vorab muß ich zugeben, daß ich mir viel erwartet habe und ein bißchen enttäuscht bin. Nicht ganz so perfekt wie "Models". Super Einführungsrede von Wolfgang Lorenz, der jovial so seine Schwierigkeiten erklärte, nicht allzu leichte Filme auch dann in ORF Kunststücken zeigen zu müssen. Vorab verspricht Uli zB. "Wird eh ganz harmlos, halb so schlimm, sogar hauptprogramm tauglich" und dann verläßt sogar Nani Moretti wie allgemein bekannt den Saal nach 10 Minuten. Nun denn, der Rest der Jury hat sich durchgesetzt und ihm den Jury Löwen gegeben. Auch das Wiener Publikum ist restlos begeistert und klatscht endlos Beifall. Ganz Gallien? Nein.... In persönlichen Gesprächen mit etlichen Zusehern der Premiere konnte man da und dort auch einige leise Zweifel verorten. Mein Kurzresume: Sehenswert, beachtlich, aber leider das typische "zweite Film Syndrom". Nach jedem großen Hit folgt einer, der noch eins draufsetzen will. Das passierte zb Barbara Albert nach dem großartigen "Tagada" in "Nordrand", dessen erste Hälfte ziemlich verunglückt ist. (Halb Gfrasta, halb Sicheritz => typisch Ö). Ach Jessica Hausner's Lovely Rita, obwohl konsequenter und schwieriger, ist nicht ganz so geglückt wie der einfachere "Inter-View". Von Miriam Unger's Spielfilm Mißerfolg will ich gar nicht reden. Das waren Produktionsmißgeschicke und ein fremdes Buch. Und auf Valeska wird auf den uneinholbaren "Mein Stern" auch nichts mehr draufsetzen können. Nach dem zumindest für mich perfekten "Models", war ich also schon sehr gespannt auf den "ersten richtigen Spielfilm" (Seidl ua.) Ohne groß auf den Inhalt einzugehen, es gibt eh' genug Kriken und Reviews, meine Einwände: 1. Das Experiment mit dem neuen Kameramann ist mE leider nicht geglückt. Uli wollte in diesem "Spielfilm" eine "kleine schnelle" Videokamera, die die Arbeit mit den Darstellern (größtenteils wieder mit Laien, obwohl er vorher noch nie mit so vielen Profis gearbeitet hat) nicht behindern soll. Das gelingt auch größtenteils und muß auch so sein, weil die Kamera in allen vorigen das prägende Element war, und es sollten eigentlich die Personen sein. Nur warum muß das so sein? Seidl's Markenzeichen war das buchstäbliche "An die Wand stellen" seiner Protagonisten. Ganz in Anlehnung an die großen klassischen Portraitmaler sieht der Zuseher, das der Film nicht die Realität ist, sondern die Realität wie sie uns der Künstler vermitteln will. Daß die Leute nicht die sind, wie sie wir am Bildschirm oder im Kino sehen, sondern so wie sie der Regisseur inszeniert hat. Trotz aller Liebe und Hingabe zu allen Schrullen seiner Helden gewinnt er Abstand und schützt seine Figuren inszinatorisch. Falsch. Er schützt sie nicht vor uns, er will sie nicht in ungezwungene Handlungen zwingen. ein Spielfilm macht aber genau das. Das gibt's ein Buch, die Leute müssen das tun was der Regisseur will, und der Regisseur ist kein Dokumentarist mehr. Models war ein seltener Glücksfall, in dem dieses malerische Motiv des Portraits mit der Handlung und den Personen perfekt hamorniert, der Trick mit den ständigen Blicken der Models in die Spiegel. Und die perfekten Haupt-/Selbstdarsteller, die den Zuseher über den großen Bogen tragen. Nun muß aber ein richtiger Spielfilm gedreht werden, also muß diese Distanz verschwinden. Und die Darsteller sollten ebenso so gut wie die Vivian sein. Und das Thema muß möglichst typisch sein. Echt tief Wien. Ein großartiges Buch. Nicht zu dick aufgetragen, sechs kleine typische Episoden aus der Tiefe des Alltags. Nicht intellektuell abgeklärt wie im Zimmer des Sohnes wird da der Verlust des Kindes bewältigt. Keine positiven Beispiel werden uns vorgeführt. Leider nur so wie es wirklich ist. Zumindest bei den Nachbarn oder entfernt Bekannten mit denen man lieber nicht so viel zu tun haben will. Jetzt red ich wieder so viel über den Film und nicht über die Kamera. Also, Hans Selikovsky ist unschlagbar der beste Kameramann Österreichs und er hätte auch Hundstage drehen sollen, müssen. Georg Thaler ist in seiner Zurückhaltung einfach überfordert dem teils rasanten Geschehen ruhig genug zu folgen. Die Bilder sind unscharf, zu dunkel, fast schon "dogma"-haft. Seidl mag schon sagen, dass ihm das lieber ist als die Inszenierung vorher, aber mir als Betrachter geht dadurch die wesentliche Qualität eines Seidl Films verloren. Die Ruhe, die Schärfe, das Wesentliche der Charaktäre und der Ausstattung. Natürlich gibt es wieder in kleinen Momenten die gestellten Portraits, diesmal "Frau mit Penis" und "Frau am Balkon". Wie gesagt, Models mag in seiner Rasanz und Bildsprache neben allen anderen Qualitäten die Hundstage ja auch besitzt ein glücklicher Einzelfall geblieben sein, aber Hundstage hätte mit etwas mehr Aufwand auch so perfekt werden können. 2. Die Hauptdarsteller. Alle Kritiker heben immer wieder die "großartige" Hauptdarstellerin Maria Hofstätter hervor. Mit ist das schleierhaft. ME haben die Kritiker ein Problem. Oder vielleicht ich ein Problem mit meiner Schwester. Die ist das nämlich 1:1. Bis auf die Debilität, die Ticks, die Maria's Kommunikation überlagern. Das Problem: Warum muß ein Anliegen immer übersteigert werden, um publikumswirksam zu sein? Warum beachtet das die Kritik mehr als das hervorragende Spiel aller anderen zehn Hauptdarsteller? Die wesentliche Qualität Seidl's lag immer daran seinen Personen zu vertrauen und sie so tief zu porträtieren wie sie wirklich sind. Die Realität ist lehrreich genug. Georg Friedrich spielt auch nur sich. Und das reicht vollkommen, so tief wie der ist. Hier darf eine maßlos schauspielerisch eins draufsetzen, so daß die Schlußszene dazu paßt. Eine typische Spielfilm-Inszenierung. Eine redselige "Grätzn" alleine (bzw. meine Schwester, die sehr nett ist) hätte auch gereicht. Aber sie muß auch noch debil sein. Ist das das Zugeständnis an das Massenphänomen Kino? Schwarz ohne weiß. Mitleid mit Brechstange. Das Klatschen des gesamten Saales hat gezeigt, die Leute sind glücklich über eine kleine Manipulation. Um das ganze ins rechte Licht zu rücken: Ich bin viel zu kritisch, der Film ist sehr sehr gut. Aber leider nicht in der Liga von "Models", "Mein Stern" oder "Das weiße Rauschen", die besten deutschsprachigen Filme des letzten Jahrzehnts. Und es wird noch mehr kommen. -- Reini Urban, jetzt glücklich in Wien gelandet, im Land der vielen Kinos. Morgen 19:00 ein indischer Film im TU AudiMAX!