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Viennale 2002 auf Radio Helsinki

Autor: Reini Urban
Radio Helsinki Filmmagazin | Viennale 2000 | Viennale 2001 | Resume | Offizielle Website

Eine der besten Viennale Festivals in den letzten Jahren. So viel herrausragende Filme gab's schon lange nicht mehr. Und auch die negativen Ausreißer halten sich diesmal in Grenzen. Beziehungsweise kann sie leichter abschätzen: Die meisten asiatischen Beiträge, die wohl eher nach dem Namen und nicht nach dem Film eingeladen wurden.

Filmbesprechungen

Ren xiao yao(* *) [8 reviews] [imdb]
Far from Heaven(* * 1/2) [16 reviews] [imdb]
Bord de mer(* * *) [3 reviews] [imdb]
Paris nous appartient(* *) [1 review] [imdb]
One Fine Spring Day
  (Bomnaleun ganda)
(* * * *) [1 review] [imdb]
Japón(* * * *) [5 reviews] [imdb]
Travail
   (A Woman's Work)
(* * * 1/2) [no reviews] [imdb]
Yawaraka na hoo(*bomb*) [no reviews] [imdb]
Les enfants de l'amour(* * * 1/2) [no reviews] [imdb]
Rabbit-Proof Fence(* * 1/2) [21 reviews] [imdb]
Morvern Callar(* * 1/2) [13 reviews] [imdb]
Ken Park(* * * *) [5 reviews] [imdb]
La Cage(* * * 1/2) [no reviews] [imdb]
Der Mann ohne Vergangenheit
  (Mies vailla menneisyytä)
(* * * 1/2) [12 reviews] [imdb]
Heremakono(* * 1/2) [8 reviews] [imdb]
Donnie Darko(* * * 1/2) [113 reviews] [imdb]
Halbe Treppe(* * * *) [3 reviews] [imdb]
Goyang-irul bootak-hae
  (Take Care of My Cat)
(* 1/2) [13 reviews] [imdb]
Lundi Matin(* * * 1/2) [3 reviews] [imdb]
Yadon ilaheyya
   (Divine Intervention)
(* * *) [3 reviews] [imdb]
Will Success Spoil Rock Hunter?
   (Sirene in Blond)
(* * *)
Tsuioku no dansu(* 1/2) [no reviews] [imdb]
Ren min Gongche
  (Public Toilet)
(*bomb*) [1 review] [imdb]
La bande des quatre
  (Die Viererbande)
(* * * 1/2) [3 reviews] [imdb]
Road Movie(* * * *) Kurzfilm, 1 Min.
Bungalow(* * 1/2) [1 review] [imdb]
Intacto(*) [8 reviews] [imdb]
Mischka(*) [no reviews] [imdb]
Only the strong survive(* * * *) [4 reviews] [imdb]
Tan de repente(* * * *) [2 reviews] [imdb]
Lilja 4-ever(* * 1/2) [2 reviews] [imdb]
El Bonaerense(* * * *) [3 reviews] [imdb]
Va Savoir(* * * *) [71 reviews] [imdb]
Blood Work(* * 1/2) [136 reviews] [imdb]
Oasis(* * * *) [1 review] [imdb]
Le fils(* * * *) [12 reviews] [imdb]
Un oso rojo
  (A red bear)
(* * * 1/2) [3 reviews] [imdb]
Blue Moon(* * *) [no reviews] [imdb]
Lantana(* * *) [122 reviews] [imdb]
 
Leider versäumt:
Monrak Transistor
  (A Transistor Love Story)
[3 reviews] [imdb]
Gaichu [6 reviews] [imdb]
All or nothing(* *) [18 reviews] [imdb]
Les jours où je n'existe de pas [reviews] [imdb]
Mi yu shi ki xiao shi
  (Weekend Plot)
[no reviews] [imdb]
Nakta(dul)
  (Camels)
[no reviews] [imdb]

Online Notizblock

"Ren xiao yao" aka "Unknown Pleasures" (2/4)

[viennale]
Langatmiger chinesischer Slacker Film aus Cannes, der aus Qualitätsgründen eigentlich hier nichts zu suchen gehabt hätte. Das sind wir aber bei den fernöstlichen Beiträgen gewohnt. Langsamkeit solte in Wien nicht das einzige Qualitätskriterium sein. Das Trio Infernale erinnert von der qualvollen Entwicklung der Geschichte manchmal an Millenium Mambo, nur ist hier die weibliche Schönheit absolut keine. Die zwei Typen sind aber genauso gestelzt. Wenigstens sieht man einige touristisch interessante Einblicke in das "wirkliche China".

"Far from Heaven" (2.5/4)

[viennale]
Durchschnittliches Historien-Sittendrama im prüden Amerika der 50'er Jahre. Schöne bunte Bilder von Ed Lachman, brave Darstellerleistungen, nicht ganz so impertinent aufdringlich wie schlechtere Zeigefingerfilme, aber man durfte sich mehr erwarten.

"Bord de mer" aka "Seaside" (3/4)

[viennale]
Konventionell guter französischer Arthousefilm, ohne richtig zu fesseln.

"Paris nous appartient" (2.5/4)

[viennale]
Typischer früher Rivette, der den allgemeinen Verfolgungswahn der linken Intellektuellen in den späten 60'ern thematisiert ("Die Nazigefahr lauert überall", Pynchon), ohne sich voll darauf einzulassen. Das Theater und die schönen Frauen waren ihm schon damals wichtiger. Mühsam, aber halbwegs interessant.

"Bomnaleun ganda" aka "One fine spring day" (4/4)

[viennale]
Wenn ich jetzt spontan meine Lieblings-Liebesfilme aufzählen müßte, wäre "One Fine Spring Day" ganz vorne mit dabei: Dil Se (Mani Ratnam), Tot ziens (Heddy Honigmann), Bomnaleun ganda, Eine unmögliche Liebe (Hector Alterio), Drei Farben Blau (Kieslowski), Great Illusion (K. Kurosawa), Die Augen der Mund (Bellochio), Chunking Express, Betty Blue, Head over Heels (Joan Micklin Silver). Ein stiller Film über die Intensität, die Sprachlosigkeit und das Leben mit und nach der großen Liebe.

"Japón" (4/4)

[viennale]
Der Bienenzüchter ("O Melissokomos") auf mexikanisch, allerdings tiefgründiger, in einem selten verwendeten Super-Cinemascope. Der Held zieht sich in ein einsames Indianernest zurück, um die Ruhe und Gelassenheit zu finden sich umzubringen. Er wird als gern gesehener Tourist aufgenommen, findet Unterkunft bei einer alten Frau. Die Zusehererwartungen werden allerdings wiederholt gebrochen. Der Schluß allerdings ähnelt etwas an "L'Humanité", dessen Interpretation mir verschlossen bleibt, bzw. wäre die vordergründige Interpretation zu banal und nicht dem Rest des Filmes angemessen.

"Travail" aka "A Woman's Work" (3.5/4)

[viennale]
Äußerst vergnügliche japanisches Ehedrama um zwei professionalle Schachspielerinnen (shoku) und ihren problematischen Umgang und Rollenverhalten mit ihren Ehemann/Freund. Was wie eine lehrbuchartiger 50'er Film über die Frauenemanzipation anfängt, steigert sich zu einer Gagparade, mit immer wieder einsetzenden Tränendrückern. Der einzige Film bislang bei dem ich so richtig herzhaft gelacht habe, und auch so richtig herzhaft geweint. Der Plot mag stellenweise etwas zu fernsehspielartig konstruiert sein, aber unsere zwei attraktiven Heldinnen und die gut gewählten Charaktäre reißen uns immer wieder mit.

"Yawaraka na hoo" (0/4)

[viennale]
Dreistündiges Arthouse Familienepos in visueller Qualität und der Formelhaftigkeit von "Reich und Schön", allerdings leider ohne die Dramaturgie eines Serienreißers. Kommt vielleicht im Fernsehen, und gekürzt auf 80 Minuten besser an.

"Les enfants de l'amour" (3.5/4)

[viennale]
Portrait einer Familie mit sogenannten Scheidungsopfern (die Kinder), die die Beteiligten nicht gegeneinander ausspielt. Einer der besten Fake-Dokus im Rahmen eines kleinen Fernsehspieles, die ich je gesehen habe.

"Rabbit-Proof Fence" (2.5/4)

[viennale]
Konventioneller und politisch äußerst korrekter Film über die Flucht dreier Aboriginee Kinder durch die australische Wüste. Schöne Bilder, aber zu vorhersehbar um zu fesseln.

"Morvern Callar" (2.5/4)

[viennale]
Skurriler schottischer Autorenfilm. Leicht überschätzt (Fibresci Preis für die beste Regisseuse 02). Morbid herber Autorencharme wie zb in Trainspotting, aber lange nicht so persönlich, spritzig und etwas zu bemüht. Geeignet für jugendliches Publikum.

"Ken Park" (4/4)

[viennale]
Drastische Studie über eine Gruppe von Jugendlichen im Stil von Hubert Selby, mit dem Ansatz zu zeigen, daß sie erwachsener sind als ihre Eltern. Für mich die bislang erste "richtige" Selby Verfilmung, obwohl die Geschichten von Larry Clark nur an Selby's Bücher angelehnt sind. Besser als "Kids", stößt aber durch mitunter provokativen (erwachsenen) Sex unter Jugendlichen auf geteilte Meinung. Durch die radikale Bearbeitung und auch durch Lachman's großartige Kamera weit über dem Durchschnitt.

"La Cage" (3.5/4)

[viennale]
Langatmiger französischer Film über eine junge Mörderin, die gerade aus dem Gefängnis entlassen, mit dem Vater ihres Opfers Frieden schließen will. Der Film braucht seine Zeit um sich zu entfalten. Vollends aufgelöst wird er zum Glück gar nicht. Hervorragende Darsteller.

"Mies vailla menneisyytä" aka "Der Mann ohne Vergangenheit" (3.5/4)

[viennale]
Lakonische Komödie um einen Helden, der nach einem Gedächtnisverlust die böse kapitalistische und bürokratische Welt um sich mit jungfräulichem Blick von unten - und seinen obdachlosen Kollegen zu gefallen - verblüffend meistert. Anfangs nur gut ausgeleuchtet, wächst der Film je länger er dauert über sich und den bloßen Kusturica Ansatz weit hinaus.

"Heremakono" (2.5/4)

[viennale]
Äußerst seltsamer kleiner mauretanischer Film über ein Dorf am Rande zu Europa, das wie Babylon 5 daherkommt. Araber, Afrikaner, Inder, Chinesen. Keine Geschichte, keine künstlerischen Freiheiten, trotzdem zutiefst symbolistisch. (...)

"Donnie Darko" (3.5/4)

[viennale]
Überdurchschnittlich guter amerikanischer Independenthit über einen smarten Jugendlichen, der anläßlich seines Todes durch ein verlorengegangenes Flugzeugtriebwerk sich in Zeitreisen flüchtet (Interpretationsmöglichkeit Nr.1). Etwa zwischen "Rushmore" und "Being John Malkovich" anzuordnen. Für das jugendliche Zielpublikum äußerst anspruchsvoll, allerdings mit einigen Mängeln in der technischen Glaubwürdigkeit.

"Halbe Treppe" (4/4)

[viennale]
Außergewöhnlich gute Ehedrama-Komödie im Stil eines freien und mitbestimmten Theaters. Die mitunter tragischen Elemente werden immer wieder durch deutsche Komik aufgebrochen. (Henscheid liegt falsch: Es gibt den deutschen Humor). Bislang der beste Viennale Film. <

"Goyang-irul bootak-hae" aka "Take Care of My Cat" (1.5/4)

[viennale]
Lediglich am Anfang unterhaltender Teeniefilm um fünf koreanische Mädchen, die sich nach Schulabschluß finden müssen, aber sich und uns im trögen Alltag verlieren. Handys und die dramaturgisch herbeigezerrte Katze helfen etwas dabei.

"Lundi Matin" (3.5/4)

[viennale]
Iosseliani baut wieder einen seiner liebenswerten kleinen Universen voller kleinen technischer Wunder und filmischen Kasualketten, fast ohne Worte (wie Jaques Tati), als Fortsetzung von "Adieu les planches des vaches". Diesmal klappt die Flucht von zuhause in die Fremde, auf die Planken der großen weiten Welt.

"Yadon ilaheyya" aka "Göttliche Intervention" (3/4)

[viennale]
Bemüht konstruierte Parabel um den Palestina Konflikt, der dieses Jahr in Cannes einer der Favoriten war. Anfangs wird die Spannung anhand von banalen alltäglichen Szenen ohne Partei zu ergreifen thematisiert, die teilweise an den Gestaltungswillen von Studentenprojekten erinnert. Zum Ende hin mit dem vielzitierten Bild des Luftballons mit Arafats Konterfei, der über Jerusulem dahintanzt, wird Partei ergriffen, das Tempo nimmt zu, der Galgenhumor wird krasser und greift besser. Leider fehlt mir die Nähe, um diesen mir vom näheren Bosienkonflikt bekannten Galgenhumor und den symbolistischen Formwillen zu begreifen. Cannes liebt bekanntlich Kusturica. Absurd und doch ernst.

"Will Success Spoil Rock Hunter?" aka "Sirene in Blond" (3/4)

[viennale]
Wilde Tashlin Farce über Jane Mansfield und die amerikanische Werbe- und Filmindustrie.

"Tsuioku no dansu" aka "Letter from a Yellow Cherry Blossom" (1.5/4)

[viennale]
Der Herausgeber eines berühmten provokativen japanischen Fotomagazin's liegt im Sterben und läßt sich dabei filmen. Die Idee eines Vermächtnises als Videodokument kann den Zuseher durchaus zu eigenen Ideen anregen. Hier sollte man allerdings schon vorher wissen, um wen es hier geht, denn erklärt wird es nicht. Ich tu's auch nicht, obwohl mir der Held als Grazer durchaus bekannt ist. (Camera Austria)

"Ren min Gong che" aka "Public Toilet" (*bomb*)

[viennale]
Der chinesische "Plan 9 from Outer Space" des Independent Stars Fruit Chan aus Hong Kong, dessen Plan eine Geschichte aus öffentlichen Toiletten, Kloaken, Urin und Scheisse absolut nicht aufgegangen ist. Es gibt durchaus touristische Schauwerte neben der skatologischen Thematik mit schönen Bildern aus Indien, der chinesischen Mauer, Bejing, Hong Kong, Korea und New York, eine Meeresnixe aus der Scheiße geboren, aber trotzdem wollen sich die Lacher trotz oft unfreiwilliger Komik nicht so recht einstellen. Interessanterweise einer der Nebenpreise in Venedig; so wie letztes Jahr für "Seafood", ebenfalls unverständlich.

La bande des quatre aka "Die Viererbande" (3/4)

[viennale]

"Road Movie" (4/4)

[viennale]
Ein eine Minute lang perfektes Roadmovie mit elegischem Beginn und langem Nachhall. Sehr lustig.

"Bungalow" (2.5/4)

[viennale]
Langsame Studie eines fahnenflüchtigen Jugendlichen aus einer modernen, großbürgerlichem deutschen Familie. mit Referenzen an die großen Vorbilder Dumont, Dardennes, Grisebach und Jessica Hausner. Der Regisseur Ulrich Köhler probiert in seinem Erstlingsfilm diesen strengen formalen Rahmen in einem Genre-Film, anfangs in der Dramaturgie noch etwas holprig (zynisch gesagt: "neue deutsche Befindlihckeit)", in der zweiten Hälfte aber überzeugend. ("Swimming Pool mit Alain Delon und Romy Schneider)

"Intacto" (1/4)

[viennale]
Äußerst effektvoller, prime-time taugliche Inszenierung, mit einem unglaubwürdigen, halbstarken tauglichem Plot. Tödliche Spiele. Ein typisches Midnight Movie für Anspruchslose. Dem Regisseur ging es wohl nur um eine Stilübung, alle Mätzchen eines Spannungsthrillers auszuprobieren (Hollywood?), der arme Max von Sydow und die sympathische Hauptdarstellerin wirken aber durch die Lächerlichkeit des Plots verloren. Sydow's KZ-Trauma mit dient als Aufhänger für ein russisches Roulette mit 5 von 6 Kugeln, bei dem seine Mitspieler seit 30 Jahren bei dieser 5:6 Chance ihn bis jetzt verfehlt haben. Die restlichen Spiele sind zum Glück etwas besser.

"Mischka" (1/4)

[viennale]
Verzichtbares Roadmovie des alten Veteranen Jean-Francois Stévenin. Starke Ähnlichkeiten zum österreichischem Film "Drei Herren", mit dem wortkargem Othmar Fischer-Typ als Mischka und einem halb-verrücktem Jack Nicholson-Typ, immer zusammen mit feschen jungen Mädels, Stevenin's Tochter und Rona Hartner ("Gadjo Dilo"), die inzwischen ziemlich aufgegangen ist. Nach ca. einer halben brauchbaren Stunde, verliert die Dramaturgie völlig den Faden und erinnert nur mehr an ein Homevideo in Profi-Qualität. Ich persönlich erinnerte ich mich aber voller Freude an meinen letzten Frankreich Urlaub an den selben Orten.

"Only the strong survive" (4/4)

[viennale]
Vom Titel sollte man sich bei dieser Soul-Superstar Dokumentation der momentan besten Dokumentaristen Pennebaker/Hegedus nicht irreführen lassen. Es kommen zwar nur die besten (Weniger von "Motown Records", eher vom Memphis Label "Stax") zu Wort, aber die lernen wir schätzen und lieben. Sam Moore (Sam + Dave waren das 1:1 Vorbild für die Bluesbrothers), Wilson Picket, Carla + Rufus Thomas, Mary Wilson von den Supremes, und Isaac Hayes, der Hauptsongwriter von Stax, werden anläßlich der jährlichen Soul-Gala portraitiert, weil's vorher noch keiner gemacht hat. Obwhl in den Live-Musikbeispiele nicht so perfekt wie zB in "Buena Vista Social Club", werden uns diese Musik und diese Menschen viel näher gebracht als die Kubaner. Das vielleicht auch an der Montage liegen, in die immer wieder Witze und persönliche Neckereien eingestreut werden.

"El día que me quieras" (1/4)

[viennale]
Pseudo-Analyse des Fotos des toten Che Guevara, um den Heldenkult ein bißchen zu forcieren. Besonders störende Off-Gedichte des Regisseurs.

"Paradox" (*bomb*)

[viennale]
Kunstkino als sentimentale Dokumentation ohne Worte. Die leidlich interresante Handlung (Bananenpflückmaschinerie im Mexiko) wird zB immer wieder durch minutenlange Einstellungen auf ein Maya Relief unterbrochen.

"Tan de repente" aka "Plötzlich" (4/4)

[viennale]
Ein kleines Meisterwerk, und das gleich mit dem Erstlingsfilm. In der ersten Hälfte ein simples, freches Roadmovie und versteigt sich dann in ungeahnte Ebenen. Geeignet nur für Jüngere unter 40, weil des öfteren Fremde provokativ zum Ficken aufgefordert werden. Wie oft hab ich schon erwähnt, daß momentan aus Argentinien die besten Filme kommen? Der Autor und seine Crew arbeiten in Buenes Aires in eine kleinem Off Theater.

"Lilja 4-Ever" (2.5/4)

[viennale]
Babystrich Drama vom "Fuckin Amal" und "Zusammen" Regisseur Lukas Moodysson, das sich nicht ganz zwischen nüchternem Sozialdrama und emotionalisierendem, musik-unterlegtem Popdrama entscheiden kann und vor allem im Mittelteil nicht zu fesseln vermag. Randbereiche dieses Thema wurde bislang nur mit "Die Kinder vom Bahnhof Zoo" und "Utopia" kinotauglich verfilmt (beide interessanterweise aus Deutschland), aber an diese beiden kommt er nicht heran. Geeignet für Jugendliche zwischen 16 und 22 zum Mitleiden und für Eltern und Lehrer als Abschreckung. Rammstein am Anfang und Schluß. Aussage: "Bring dich nicht um, Mädchen. Einmal gestorben, hast du keine Chancen mehr."

"El Bonaerense" (4/4)

[viennale]
Wieder ein argentinisches Meisterwerk, eins steht noch aus. Portrait eines einfachen Schlossers vom Land, den es zu einer argentinischen Polizeieinheit verschlägt. Ohne moralische Bewertung, aber auch ohne drastische Szenen, an denen sich zum Beispiel "Bad Lieutenant" labt, trotzdem immer fesselnd, erleben wir den Balanceakt des bescheidenen Helden, dem wir das Gute wie das Böse zutrauen. Auf der stärkeren Seite lebt es sich einfach besser. Sehen wir deshalb so gerne Copdramen? Ein Film, der als Autorenfilm, wie auch als Genrefilm durchgehen könnte. Nicht nur ein Spiegelbild der argentinischen Gesellschaft (Mitleidbonus), sondern allgemeingültig, allerdings besser erzählt und bebildert als anderswo.

"Va Savoir" (4/4)

[viennale]
Jeanne Balibar ist die klassische Philosophenfalle. Auch in Va Savoir darf sie sich, wie schon in "Le Stade de Wimbledon" von Mathieu Amalric selber spielen. Im Stade de Wimbledon geht es um die Suche nach dem fiktiven Intellektuellen Vohler, in Va Savoir nach einem verschollenen Goldoni Manuskript. Das läßt für den Anfang das Schlimmste befürchten. Groß gewachsen, wunderschön, große Augen, volle Lippen, mehrsprachig, hochintelligent, und mit Schmollmund immer auf der Suche nach oberintellektuellen Poeten oder Philosophen wäre sie eigentlich das ideale Kultobjekt der Begierde für Godard, und läßt Emmanuelle Beart weit hinter sich. Wenn sie sich auch noch die Brüste machen ließe, vielleicht auch sogar für den Mainstream. Zum Glück für uns heißt der Regisseur diesmal Rivette, und der kann mit solchen Frauen und mehr noch umgehen. Rivette ist Theater pur, die Helden dürfen ihre Rollen nach belieben wechseln und in gedrechselten und kunstvollen Worten die Philosophen austricksen. Auch hier wieder in diesem amüsanten Liebesreigen, der an Rivette's leichte 80'er Jahre Filme erinnert. Und noch nie hab ich es bei einem Rivette erlebt, daß in der ganzen Schlußszene über 10 Minuten lang der ganze Kinosaal aus dem Lachen nicht mehr herauskam. Und ich hab mir auch nicht gedacht, dass mich die volle 4 Stunden Fassung interessiert hätte. Leider versäumt.

"Blood Work" (Überraschungsfilm 2002) (2.5/4)

[viennale]
Spannender, konventioneller Cop-Thriller mit Clint Eastwood, und auch sonst starbesetzt. Ganz okay, nur ab und zu gab's unfreiwillige Lacher. Als Überraschungsfilm haben wir uns aber eigentlich was anderes erwartet, "11'09''01", "Punch-Drunk Love" oder Cronenberg's "Spider".

"Oasis" (4/4)

[viennale]
"Koreanische Freakshow Extrem". Politisch äußerst unkorrektes Behindertendrama um einen halb-verrückten "Kriminellen" und eine total-behinderte junge Frau. Wer nach einer halben Stunde das Kino nicht verläßt, wird ausreichend belohnt. Oasis ist maximal mit "Bad Boy Bubby" vergleichbar, auch qualitativ. (...)

"Le fils" (4/4)

[viennale]
Eineinhalb Stunden sieht man den Vater und Fast-Sohn bei ihrer alltäglichen Arbeit als Tischler. Aber dahinter schwebt ein Konflikt von biblischen Ausmaßen, der einem die ganze Zeit den Atem raubt, die Kehle zuschnürt. Eine ähnliche Situation wie in "La Cage", ein Mord vor langer Zeit, und die Spannung zwischen Vergeltung und Vergebung, nur wird hier dem Helden mehr abverlangt. Großartig. Kieslowski ohne Musik und wie immer mit Steadycam, immer am Nacken des Helden.

"Un oso rojo" aka "A red bear" (3.5/4)

[viennale]
Sympathischer, weit über-durchschnittliches Gangsterdrama aus Argentinien, das mehr Wert auf Mesnschlichkeit, als auf sonst typische Gangsterwerte legt. Besonders in Hinsicht auf das Herkunftsland gewinnt die Genreauswahl noch an Bedeutung. "Für die Liebe muß man auch verzichten können".

Blue Moon (3/4)

[viennale]
Lakonisches Roadmovie in den Osten in guten Bildern. Zum Beispiel treibt Josef Hader die lustlose Schafherde auf den Zaun zu und sagt "Springt!". Aber die Schafe brauchen schon einiges an Überzeugung bis endlich das älteste Schaf einen Teil des Holzzaunes umrennt, und die Herde einen kleinen Tagesausflug macht. Bemerkenswert stimmiger Plot und Details.

Lantana (3/4)

[viennale]
Gediegenes Mitvierziger Ensembledrama aus Australien nach einem Bühnenstück. Kleine Lügen, falsche Verdächtigungen unter Ehepartnern Nachbarn und den Zusehern. Feine Zwischentöne, unprätentiös, aber sehr bedeutungsschwanger inszeniert, langatmig. Stieß beim Publikum auf geteilte Begeisterung und Langeweile. Der Soundtrack erinnert an die üblichen Hollywood Problemfilme der letzten Jahre (Thomas Newman Xylophon), der Plot ist um einiges besser, die Inszenierung um einiges schlechter.

All or nothing (2/4)

[viennale]
Empfehlenswert höchstens für latent aggressive oder sozial verwahrloste Cineasten. Ansonsten gibt es in diesem tristem Sozialdrama kaum positive Anhaltspunkte. Leigh vertraut nicht mehr auf die Form des naturalistischen Dramas und unterlegt den quälenden Plot mit Cellomusik. Fast keiner der Helden kann sich gegen die primitiven Aggressionen ihrer Kinder wehren, so kommt auch kein Mitgefühl, nur Mitleid auf. Natürlich ist diese Bewertung höchst subjektiv da der Rest der Kritikerwelt dieses neuen Leigh abfeiert.

Resume & Ausblick

Die qualitativ beste Viennale seit langem. Auch neuer Besucherrekord. Herrausragend wie immer die lateinamerikanischen, besonders argentinischen Filme ("El Bonaerense" und "Tan de repente"), und die Belgischen ("Le Fils", "Les enfants de l'amour"), aus Fernosten diesmal mehr aus Korea (vor allem "Oasis", "One Fine Spring Day"), und wie immer teilweise verunglückt. Aus Japan leider weniger als sonst, dafür die französischen und die afrikanischen Beiträge gut bis hervorragend wie immer. Persien ließ diesmal aus, dafür war Israel/Palestina erstmals groß vertreten. Die herausragenden US-Independent Produktionen waren dieses Jahr "Donnie Darko" und "Ken Park". Das deutsche Mitteleuropa ruht sich dieses Jahr leider aus. Lediglich "Halbe Treppe" konnte vollends überzeugen, "Bungalow" auf der ernsten Seite und "Blue Moon" auf der Trivialen nur halbwegs.

Die übliche Promigeilheit hielt sich zum Glück in Grenzen und die Reservierungsliste in Waage. Yoko Ono und Sam Moore mußten diesmal herhalten. Die paar Filme, die restlos ausreserviert und ausverkauft waren, waren von durchschnittlicher Qualität: "Dolls", "Garry", "Blue Moon". Letztes Jahr waren bessere dabei, zB: Speth, Schanelec.

Besonders schade und ärgerlich wieder wie immer meine diesjährigen Versäumnisse: Monrak Transistor, Gaichu, All or nothing, Les jours où je n'existe de pas, Weekend Plot, Nakta(dul), Auto Focus, Gerry. Leider kann man nicht alles sehen.

Weitere Anmerkungen: Die Qualität von Frieda Graefes Filmkritik mit Hilfe ihrer Filmfarben Theorie zu bewerten ist doch lächerlich. Besonders Hitchcock's in der Tat verunglücktes DDR Drama mit stimmigen Farben zu retten zu versuchen, ist keine Filmkritik, sondern Liebhaberei.

Preise:
Der Publikumspreis (fast erwartungsgemäß) ging an "Monrak Transistor", mit lobender Erwähnung für das türkische Drama "Itiraf" (Tales of Darkness 2). Ich tippte allerdings auf "Tan de repente" oder "Halbe Treppe". Der FIPRESCI Preis ging an "Tan de repente", mit lobender Erwähnung für "Nakta(dul)". Der Preis der Stadt Wien für den besten österreichischen Spielfilm ohne Verleih ging überraschenderweise, aber mE vollkommen zu recht an "Nachtreise" von Kenan Kilic, der schon in Graz auf der letzten Diagonale, bislang aber noch nicht in Wien zu sehen war. Erst auf der Viennale war die Wienpremiere.

Siehe auch den offiziellen Abschlußbericht.
 
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Reini Urban | Created: "2002-10-24 rurban" | Last update: "2002-11-20 21:55:38 rurban"