Viennale 2002 auf Radio Helsinki
Autor: Reini Urban
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Eine der besten Viennale Festivals in den letzten Jahren. So viel
herrausragende Filme gab's schon lange nicht mehr. Und auch die negativen
Ausreißer halten sich diesmal in Grenzen. Beziehungsweise kann sie leichter
abschätzen: Die meisten asiatischen Beiträge, die wohl eher nach dem Namen
und nicht nach dem Film eingeladen wurden.
Filmbesprechungen
Online Notizblock
[viennale]
Langatmiger chinesischer Slacker Film aus Cannes, der aus
Qualitätsgründen eigentlich hier nichts zu suchen gehabt hätte. Das
sind wir aber bei den fernöstlichen Beiträgen gewohnt. Langsamkeit
solte in Wien nicht das einzige Qualitätskriterium sein. Das Trio
Infernale erinnert von der qualvollen Entwicklung der Geschichte
manchmal an Millenium Mambo, nur ist hier die weibliche Schönheit
absolut keine. Die zwei Typen sind aber genauso gestelzt. Wenigstens
sieht man einige touristisch interessante Einblicke in das "wirkliche
China".
[viennale]
Durchschnittliches Historien-Sittendrama im prüden Amerika der 50'er
Jahre. Schöne bunte Bilder von Ed Lachman, brave Darstellerleistungen,
nicht ganz so impertinent aufdringlich wie schlechtere
Zeigefingerfilme, aber man durfte sich mehr erwarten.
[viennale]
Konventionell guter französischer Arthousefilm, ohne richtig zu
fesseln.
[viennale]
Typischer früher Rivette, der den allgemeinen Verfolgungswahn der
linken Intellektuellen in den späten 60'ern thematisiert ("Die
Nazigefahr lauert überall", Pynchon), ohne sich voll darauf
einzulassen. Das Theater und die schönen Frauen waren ihm schon damals
wichtiger. Mühsam, aber halbwegs interessant.
[viennale]
Wenn ich jetzt spontan meine Lieblings-Liebesfilme aufzählen müßte,
wäre "One Fine Spring Day" ganz vorne mit dabei: Dil Se (Mani Ratnam),
Tot ziens (Heddy Honigmann), Bomnaleun ganda, Eine unmögliche Liebe
(Hector Alterio), Drei Farben Blau (Kieslowski), Great Illusion
(K. Kurosawa), Die Augen der Mund (Bellochio), Chunking Express, Betty
Blue, Head over Heels (Joan Micklin Silver). Ein stiller Film über
die Intensität, die Sprachlosigkeit und das Leben mit und nach der
großen Liebe.
[viennale]
Der Bienenzüchter ("O Melissokomos") auf mexikanisch, allerdings
tiefgründiger, in einem selten verwendeten Super-Cinemascope. Der Held zieht
sich in ein einsames Indianernest zurück, um die Ruhe und Gelassenheit
zu finden sich umzubringen. Er wird als gern gesehener Tourist
aufgenommen, findet Unterkunft bei einer alten Frau. Die
Zusehererwartungen werden allerdings wiederholt gebrochen. Der Schluß allerdings
ähnelt etwas an "L'Humanité", dessen Interpretation mir verschlossen
bleibt, bzw. wäre die vordergründige Interpretation zu banal und nicht
dem Rest des Filmes angemessen.
[viennale]
Äußerst vergnügliche japanisches Ehedrama um zwei professionalle
Schachspielerinnen (shoku) und ihren problematischen Umgang und
Rollenverhalten mit ihren Ehemann/Freund. Was wie eine
lehrbuchartiger 50'er Film über die Frauenemanzipation anfängt,
steigert sich zu einer Gagparade, mit immer wieder einsetzenden
Tränendrückern. Der einzige Film bislang bei dem ich so richtig
herzhaft gelacht habe, und auch so richtig herzhaft geweint. Der Plot
mag stellenweise etwas zu fernsehspielartig konstruiert sein, aber
unsere zwei attraktiven Heldinnen und die gut gewählten Charaktäre
reißen uns immer wieder mit.
[viennale]
Dreistündiges Arthouse Familienepos in visueller Qualität und der
Formelhaftigkeit von "Reich und Schön", allerdings leider ohne die
Dramaturgie eines Serienreißers. Kommt vielleicht im Fernsehen, und
gekürzt auf 80 Minuten besser an.
[viennale]
Portrait einer Familie mit sogenannten Scheidungsopfern (die Kinder),
die die Beteiligten nicht gegeneinander ausspielt. Einer der besten
Fake-Dokus im Rahmen eines kleinen Fernsehspieles, die ich je gesehen
habe.
[viennale]
Konventioneller und politisch äußerst korrekter Film über die Flucht
dreier Aboriginee Kinder durch die australische Wüste. Schöne Bilder,
aber zu vorhersehbar um zu fesseln.
[viennale]
Skurriler schottischer Autorenfilm. Leicht überschätzt (Fibresci Preis
für die beste Regisseuse 02). Morbid herber Autorencharme wie zb in
Trainspotting, aber lange nicht so persönlich, spritzig und etwas zu
bemüht. Geeignet für jugendliches Publikum.
[viennale]
Drastische Studie über eine Gruppe von Jugendlichen im Stil von Hubert
Selby, mit dem Ansatz zu zeigen, daß sie erwachsener sind als ihre
Eltern. Für mich die bislang erste "richtige" Selby Verfilmung, obwohl
die Geschichten von Larry Clark nur an Selby's Bücher angelehnt sind.
Besser als "Kids", stößt aber durch mitunter provokativen
(erwachsenen) Sex unter Jugendlichen auf geteilte Meinung. Durch die
radikale Bearbeitung und auch durch Lachman's großartige Kamera weit
über dem Durchschnitt.
[viennale]
Langatmiger französischer Film über eine junge Mörderin, die gerade
aus dem Gefängnis entlassen, mit dem Vater ihres Opfers Frieden
schließen will. Der Film braucht seine Zeit um sich zu entfalten.
Vollends aufgelöst wird er zum Glück gar nicht. Hervorragende
Darsteller.
[viennale]
Lakonische Komödie um einen Helden, der nach einem Gedächtnisverlust
die böse kapitalistische und bürokratische Welt um sich mit
jungfräulichem Blick von unten - und seinen obdachlosen Kollegen zu
gefallen - verblüffend meistert. Anfangs nur gut ausgeleuchtet, wächst
der Film je länger er dauert über sich und den bloßen Kusturica Ansatz
weit hinaus.
[viennale]
Äußerst seltsamer kleiner mauretanischer Film über ein Dorf am Rande
zu Europa, das wie Babylon 5 daherkommt. Araber, Afrikaner, Inder,
Chinesen. Keine Geschichte, keine künstlerischen Freiheiten, trotzdem
zutiefst symbolistisch. (...)
[viennale]
Überdurchschnittlich guter amerikanischer Independenthit über einen
smarten Jugendlichen, der anläßlich seines Todes durch ein
verlorengegangenes Flugzeugtriebwerk sich in Zeitreisen flüchtet
(Interpretationsmöglichkeit Nr.1). Etwa zwischen "Rushmore" und "Being
John Malkovich" anzuordnen. Für das jugendliche Zielpublikum äußerst
anspruchsvoll, allerdings mit einigen Mängeln in der technischen
Glaubwürdigkeit.
[viennale]
Außergewöhnlich gute Ehedrama-Komödie im Stil eines freien und
mitbestimmten Theaters. Die mitunter tragischen Elemente werden immer
wieder durch deutsche Komik aufgebrochen. (Henscheid liegt falsch: Es
gibt den deutschen Humor). Bislang der beste Viennale Film. <
[viennale]
Lediglich am Anfang unterhaltender Teeniefilm um fünf koreanische
Mädchen, die sich nach Schulabschluß finden müssen, aber sich und uns
im trögen Alltag verlieren. Handys und die dramaturgisch
herbeigezerrte Katze helfen etwas dabei.
[viennale]
Iosseliani baut wieder einen seiner liebenswerten kleinen Universen voller
kleinen technischer Wunder und filmischen Kasualketten, fast ohne Worte (wie
Jaques Tati), als Fortsetzung von "Adieu les planches des vaches". Diesmal
klappt die Flucht von zuhause in die Fremde, auf die Planken der großen
weiten Welt.
"Yadon ilaheyya" aka "Göttliche Intervention" (3/4)
[viennale]
Bemüht konstruierte Parabel um den Palestina Konflikt, der dieses Jahr in
Cannes einer der Favoriten war. Anfangs wird die Spannung anhand von
banalen alltäglichen Szenen ohne Partei zu ergreifen thematisiert, die
teilweise an den Gestaltungswillen von Studentenprojekten erinnert. Zum Ende
hin mit dem vielzitierten Bild des Luftballons mit Arafats Konterfei, der
über Jerusulem dahintanzt, wird Partei ergriffen, das Tempo nimmt zu, der
Galgenhumor wird krasser und greift besser. Leider fehlt mir die Nähe, um
diesen mir vom näheren Bosienkonflikt bekannten Galgenhumor und den
symbolistischen Formwillen zu begreifen. Cannes liebt bekanntlich Kusturica.
Absurd und doch ernst.
[viennale]
Wilde Tashlin Farce über Jane Mansfield und die amerikanische Werbe- und Filmindustrie.
[viennale]
Der Herausgeber eines berühmten provokativen japanischen Fotomagazin's liegt
im Sterben und läßt sich dabei filmen.
Die Idee eines Vermächtnises als Videodokument kann den Zuseher durchaus zu
eigenen Ideen anregen. Hier sollte man allerdings schon vorher wissen, um wen
es hier geht, denn erklärt wird es nicht. Ich tu's auch nicht, obwohl mir der
Held als Grazer durchaus bekannt ist. (Camera Austria)
[viennale]
Der chinesische "Plan 9 from Outer Space" des Independent Stars Fruit Chan
aus Hong Kong, dessen Plan eine Geschichte aus öffentlichen Toiletten,
Kloaken, Urin und Scheisse absolut nicht aufgegangen ist. Es gibt durchaus
touristische Schauwerte neben der skatologischen Thematik mit schönen
Bildern aus Indien, der chinesischen Mauer, Bejing, Hong Kong, Korea und New
York, eine Meeresnixe aus der Scheiße geboren, aber trotzdem wollen sich die
Lacher trotz oft unfreiwilliger Komik nicht so recht einstellen.
Interessanterweise einer der Nebenpreise in
Venedig; so wie letztes Jahr für "Seafood", ebenfalls unverständlich.
[viennale]
[viennale]
Ein eine Minute lang perfektes Roadmovie mit elegischem Beginn und
langem Nachhall. Sehr lustig.
[viennale]
Langsame Studie eines fahnenflüchtigen Jugendlichen aus einer
modernen, großbürgerlichem deutschen Familie. mit Referenzen an die
großen Vorbilder Dumont, Dardennes, Grisebach und Jessica Hausner. Der
Regisseur Ulrich Köhler probiert in seinem Erstlingsfilm diesen
strengen formalen Rahmen in einem Genre-Film, anfangs in der
Dramaturgie noch etwas holprig (zynisch gesagt: "neue deutsche
Befindlihckeit)", in der zweiten Hälfte aber überzeugend. ("Swimming
Pool mit Alain Delon und Romy Schneider)
[viennale]
Äußerst effektvoller, prime-time taugliche Inszenierung, mit einem
unglaubwürdigen, halbstarken tauglichem Plot. Tödliche Spiele. Ein
typisches Midnight Movie für Anspruchslose. Dem Regisseur ging es wohl
nur um eine Stilübung, alle Mätzchen eines Spannungsthrillers
auszuprobieren (Hollywood?), der arme Max von Sydow und die
sympathische Hauptdarstellerin wirken aber durch die Lächerlichkeit
des Plots verloren. Sydow's KZ-Trauma mit dient als Aufhänger für ein
russisches Roulette mit 5 von 6 Kugeln, bei dem seine Mitspieler seit
30 Jahren bei dieser 5:6 Chance ihn bis jetzt verfehlt haben. Die
restlichen Spiele sind zum Glück etwas besser.
[viennale]
Verzichtbares Roadmovie des alten Veteranen Jean-Francois
Stévenin. Starke Ähnlichkeiten zum österreichischem Film "Drei
Herren", mit dem wortkargem Othmar Fischer-Typ als Mischka und einem
halb-verrücktem Jack Nicholson-Typ, immer zusammen mit feschen jungen
Mädels, Stevenin's Tochter und Rona Hartner ("Gadjo Dilo"), die
inzwischen ziemlich aufgegangen ist. Nach ca. einer halben brauchbaren
Stunde, verliert die Dramaturgie völlig den Faden und erinnert nur mehr an
ein Homevideo in Profi-Qualität. Ich persönlich erinnerte ich mich
aber voller Freude an meinen letzten Frankreich Urlaub an den selben
Orten.
[viennale]
Vom Titel sollte man sich bei dieser Soul-Superstar Dokumentation der
momentan besten Dokumentaristen Pennebaker/Hegedus nicht irreführen
lassen. Es kommen zwar nur die besten (Weniger von "Motown Records",
eher vom Memphis Label "Stax") zu Wort, aber die lernen wir schätzen
und lieben. Sam Moore (Sam + Dave waren das 1:1 Vorbild für die
Bluesbrothers), Wilson Picket, Carla + Rufus Thomas, Mary Wilson von
den Supremes, und Isaac Hayes, der Hauptsongwriter von Stax, werden
anläßlich der jährlichen Soul-Gala portraitiert, weil's vorher noch
keiner gemacht hat. Obwhl in den Live-Musikbeispiele nicht so perfekt
wie zB in "Buena Vista Social Club", werden uns diese Musik und diese
Menschen viel näher gebracht als die Kubaner. Das vielleicht auch an
der Montage liegen, in die immer wieder Witze und persönliche
Neckereien eingestreut werden.
[viennale]
Pseudo-Analyse des Fotos des toten Che Guevara, um den Heldenkult ein
bißchen zu forcieren. Besonders störende Off-Gedichte des Regisseurs.
[viennale]
Kunstkino als sentimentale Dokumentation ohne Worte. Die leidlich interresante
Handlung (Bananenpflückmaschinerie im Mexiko) wird zB immer wieder durch
minutenlange Einstellungen auf ein Maya Relief unterbrochen.
[viennale]
Ein kleines Meisterwerk, und das gleich mit dem Erstlingsfilm. In der
ersten Hälfte ein simples, freches Roadmovie und versteigt sich dann
in ungeahnte Ebenen. Geeignet nur für Jüngere unter 40, weil des
öfteren Fremde provokativ zum Ficken aufgefordert werden. Wie oft hab
ich schon erwähnt, daß momentan aus Argentinien die besten Filme
kommen? Der Autor und seine Crew arbeiten in Buenes Aires in eine
kleinem Off Theater.
[viennale]
Babystrich Drama vom "Fuckin Amal" und "Zusammen" Regisseur Lukas
Moodysson, das sich nicht ganz zwischen nüchternem Sozialdrama und
emotionalisierendem, musik-unterlegtem Popdrama entscheiden kann und
vor allem im Mittelteil nicht zu fesseln vermag. Randbereiche dieses
Thema wurde bislang nur mit "Die Kinder vom Bahnhof Zoo" und "Utopia"
kinotauglich verfilmt (beide interessanterweise aus Deutschland), aber
an diese beiden kommt er nicht heran. Geeignet für Jugendliche
zwischen 16 und 22 zum Mitleiden und für Eltern und Lehrer als
Abschreckung. Rammstein am Anfang und Schluß. Aussage: "Bring dich
nicht um, Mädchen. Einmal gestorben, hast du keine Chancen mehr."
[viennale]
Wieder ein argentinisches Meisterwerk, eins steht noch aus. Portrait
eines einfachen Schlossers vom Land, den es zu einer argentinischen
Polizeieinheit verschlägt. Ohne moralische Bewertung, aber auch ohne
drastische Szenen, an denen sich zum Beispiel "Bad Lieutenant" labt,
trotzdem immer fesselnd, erleben wir den Balanceakt des bescheidenen
Helden, dem wir das Gute wie das Böse zutrauen. Auf der stärkeren
Seite lebt es sich einfach besser. Sehen wir deshalb so gerne
Copdramen? Ein Film, der als Autorenfilm, wie auch als Genrefilm
durchgehen könnte. Nicht nur ein Spiegelbild der argentinischen
Gesellschaft (Mitleidbonus), sondern allgemeingültig, allerdings
besser erzählt und bebildert als anderswo.
[viennale]
Jeanne Balibar ist die klassische Philosophenfalle. Auch in Va Savoir
darf sie sich, wie schon in "Le
Stade de Wimbledon" von Mathieu Amalric selber spielen. Im Stade
de Wimbledon geht es um die Suche nach dem fiktiven Intellektuellen
Vohler, in Va Savoir nach einem verschollenen Goldoni Manuskript. Das
läßt für den Anfang das Schlimmste befürchten. Groß gewachsen,
wunderschön, große Augen, volle Lippen, mehrsprachig, hochintelligent,
und mit Schmollmund immer auf der Suche nach oberintellektuellen
Poeten oder Philosophen wäre sie eigentlich das ideale Kultobjekt der
Begierde für Godard, und läßt Emmanuelle Beart weit hinter sich. Wenn
sie sich auch noch die Brüste machen ließe, vielleicht auch sogar für
den Mainstream. Zum Glück für uns heißt der Regisseur diesmal Rivette,
und der kann mit solchen Frauen und mehr noch umgehen. Rivette ist
Theater pur, die Helden dürfen ihre Rollen nach belieben wechseln und
in gedrechselten und kunstvollen Worten die Philosophen austricksen.
Auch hier wieder in diesem amüsanten Liebesreigen, der an
Rivette's leichte 80'er Jahre Filme erinnert. Und noch nie hab ich es
bei einem Rivette erlebt, daß in der ganzen Schlußszene über 10
Minuten lang der ganze Kinosaal aus dem Lachen nicht mehr herauskam.
Und ich hab mir auch nicht gedacht, dass mich die volle 4 Stunden
Fassung interessiert hätte. Leider versäumt.
"Blood Work" (Überraschungsfilm 2002) (2.5/4)
[viennale]
Spannender, konventioneller Cop-Thriller mit Clint Eastwood, und auch
sonst starbesetzt. Ganz okay, nur ab und zu gab's unfreiwillige
Lacher. Als Überraschungsfilm haben wir uns aber eigentlich was
anderes erwartet, "11'09''01", "Punch-Drunk Love" oder Cronenberg's "Spider".
[viennale]
"Koreanische Freakshow Extrem". Politisch äußerst unkorrektes
Behindertendrama um einen halb-verrückten "Kriminellen" und eine
total-behinderte junge Frau. Wer nach einer halben Stunde das Kino
nicht verläßt, wird ausreichend belohnt. Oasis ist maximal mit "Bad
Boy Bubby" vergleichbar, auch qualitativ. (...)
[viennale]
Eineinhalb Stunden sieht man den Vater und Fast-Sohn bei ihrer
alltäglichen Arbeit als Tischler. Aber dahinter schwebt ein Konflikt
von biblischen Ausmaßen, der einem die ganze Zeit den Atem raubt, die
Kehle zuschnürt. Eine ähnliche Situation wie in "La
Cage", ein Mord vor langer Zeit, und die Spannung zwischen
Vergeltung und Vergebung, nur wird hier dem Helden mehr
abverlangt. Großartig. Kieslowski ohne Musik und wie immer mit
Steadycam, immer am Nacken des Helden.
[viennale]
Sympathischer, weit über-durchschnittliches Gangsterdrama aus
Argentinien, das mehr Wert auf Mesnschlichkeit, als auf sonst typische
Gangsterwerte legt. Besonders in Hinsicht auf das Herkunftsland
gewinnt die Genreauswahl noch an Bedeutung. "Für die Liebe muß man
auch verzichten können".
[viennale]
Lakonisches Roadmovie in den Osten in guten Bildern. Zum
Beispiel treibt Josef Hader die lustlose Schafherde auf den Zaun zu
und sagt "Springt!". Aber die Schafe brauchen schon einiges an
Überzeugung bis endlich das älteste Schaf einen Teil des Holzzaunes
umrennt, und die Herde einen kleinen Tagesausflug macht.
Bemerkenswert stimmiger Plot und Details.
[viennale]
Gediegenes Mitvierziger Ensembledrama aus Australien nach einem
Bühnenstück. Kleine Lügen, falsche Verdächtigungen unter Ehepartnern
Nachbarn und den Zusehern. Feine Zwischentöne, unprätentiös, aber sehr
bedeutungsschwanger inszeniert, langatmig. Stieß beim Publikum auf
geteilte Begeisterung und Langeweile. Der Soundtrack erinnert an die
üblichen Hollywood Problemfilme der letzten Jahre (Thomas Newman Xylophon),
der Plot ist um einiges besser, die Inszenierung um einiges schlechter.
[viennale]
Empfehlenswert höchstens für latent aggressive oder sozial
verwahrloste Cineasten. Ansonsten gibt es in diesem tristem
Sozialdrama kaum positive Anhaltspunkte. Leigh vertraut nicht mehr auf
die Form des naturalistischen Dramas und unterlegt den quälenden Plot
mit Cellomusik. Fast keiner der Helden kann sich gegen die primitiven
Aggressionen ihrer Kinder wehren, so kommt auch kein Mitgefühl, nur
Mitleid auf. Natürlich ist diese Bewertung höchst subjektiv da der
Rest der Kritikerwelt dieses neuen Leigh abfeiert.
Die qualitativ beste Viennale seit langem. Auch neuer
Besucherrekord. Herrausragend wie immer die lateinamerikanischen,
besonders argentinischen Filme ("El Bonaerense" und "Tan de
repente"), und die Belgischen ("Le Fils", "Les enfants
de l'amour"), aus Fernosten diesmal mehr aus Korea (vor allem
"Oasis", "One Fine Spring Day"), und wie immer teilweise
verunglückt. Aus Japan leider weniger als sonst, dafür die
französischen und die afrikanischen Beiträge gut bis hervorragend wie
immer. Persien ließ diesmal aus, dafür war Israel/Palestina erstmals
groß vertreten. Die herausragenden US-Independent Produktionen waren
dieses Jahr "Donnie Darko" und "Ken Park". Das deutsche
Mitteleuropa ruht sich dieses Jahr leider aus. Lediglich "Halbe
Treppe" konnte vollends überzeugen, "Bungalow" auf der
ernsten Seite und "Blue Moon" auf der Trivialen nur
halbwegs.
Die übliche Promigeilheit hielt sich zum Glück in Grenzen und die
Reservierungsliste in Waage. Yoko Ono und Sam Moore mußten diesmal
herhalten. Die paar Filme, die restlos ausreserviert und ausverkauft
waren, waren von durchschnittlicher Qualität: "Dolls", "Garry", "Blue
Moon". Letztes Jahr waren bessere dabei, zB: Speth, Schanelec.
Besonders schade und ärgerlich wieder wie immer meine diesjährigen Versäumnisse:
Monrak Transistor, Gaichu, All or nothing, Les jours où je n'existe de pas,
Weekend Plot, Nakta(dul), Auto Focus, Gerry. Leider kann man nicht alles sehen.
Weitere Anmerkungen: Die Qualität von Frieda Graefes Filmkritik
mit Hilfe ihrer Filmfarben Theorie zu bewerten ist doch
lächerlich. Besonders Hitchcock's in der Tat verunglücktes DDR Drama
mit stimmigen Farben zu retten zu versuchen, ist keine Filmkritik,
sondern Liebhaberei.
Preise:
Der Publikumspreis (fast erwartungsgemäß) ging an "Monrak Transistor",
mit lobender Erwähnung für das türkische Drama "Itiraf" (Tales of Darkness 2). Ich tippte
allerdings auf "Tan de repente" oder "Halbe Treppe". Der FIPRESCI
Preis ging an "Tan de repente", mit
lobender Erwähnung für "Nakta(dul)". Der Preis der Stadt Wien für den
besten österreichischen Spielfilm ohne Verleih ging überraschenderweise, aber mE
vollkommen zu recht an "Nachtreise" von Kenan Kilic, der schon in Graz
auf der letzten Diagonale, bislang aber noch nicht in Wien zu
sehen war. Erst auf der Viennale war die Wienpremiere.
Siehe auch den offiziellen Abschlußbericht.
Reini Urban |
Created: "2002-10-24 rurban" |
Last update: "2002-11-20 21:55:38 rurban"