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Viennale 2001 auf Radio Helsinki

Autor: Reini Urban

Viennale Allgemein vorab ("Mission Statement")

zur Viennale 2001 an sich:
Der Insider Tratsch dieses Jahr: Haneke und der Mangel an "guter, republikanischer Filmkritik" (Horvath, Hurch im ORF). Und wie immer, "Darf der Festivalleiter eine künstlerische Meinung haben oder muss er sich auch schlechte Filme ins Programm pressen lassen"? (Hurch und die heimischen Verleiher 2000). "Hurch, der Österreich Vernaderer", blabla. Letztes jahr waren das Gelbe Kirschen und Ternitz Tennesse, dieses Jahr hab ich die Kandidaten noch nicht erahnt, nachdem die diesjährige Pressekonferenz leider diplomatischer ablief. Wir werden es also wohl oder übel selbst spüren müssen, das "Grauen" (=> redux) im falschen Film zu sein. Der größte Horror passierte schon im Vorfeld: Die Pleite der größten unabhängigen Kinokette in Wien. (Schottentor, Gartenbau, Top, usw ...) In Graz öffnet das KIZ wieder, der Chef hat 5 Mille aus der Stadt Graz (EU-Förderung) herausgepresst. Und natürlich wieder keine Presse Akkreditierung, 25 Filme, neo-liberal eigenfinanziert. Graz, das Provinznest.

Filmbesprechungen

La stanza del figlio (* * * 1/2) [19 reviews] [imdb]
Seafood (* *) [reviews: not yet] [imdb]
Bolivia (* * * 1/2) [reviews: not yet] [imdb: not yet]
Suture (*bomb*) [8 reviews] [imdb]
Sanam (* 1/2) [1 review] [imdb]
Maelstrom (* * *) [8 reviews] [imdb]
Yi Yi (* * *) [74 reviews] [imdb] [hbs 40.0%/4]
Ghost World (* * 1/2) [105 reviews] [imdb]
Heist (* * 1/2) [reviews] [imdb]
The Orphan of Anyang (* * * *) [2 reviews] [imdb]
Memento (* * * *) [175 reviews] [imdb]
Versus (*bomb*) [reviews] [imdb]
Martha... Martha (* * * 1/2) [5 reviews] [imdb]
Confort moderne (*bomb*) [1 reviews] [imdb]
waydowntown (* * *) [14 reviews] [imdb]
Lovely Rita (* * *) [2 reviews] [imdb]
Das weiße Rauschen (* * * *) [1 review] [other] [imdb]
Millenium Mambo (*bomb*) [7 reviews] [imdb]
Secret Ballot (* * *) [1 review] [imdb]
Le Pornograph (*bomb*) [7 reviews] [imdb]
A Dog's Day (Pattiyude divasam) (* * *) [2 reviews] [imdb]
Paria (* * * 1/2) [1 review] [imdb]

Online Notizblock

"Seafood" (2.5/4)

[viennale]
Typisches fernöstliches Existentialistenkino, aber diesmal aus China, mit kleiner DVD Kamera gedreht. Dort natürlich verboten, technisch hervorragend unter diesen umständen. Inhaltlich zurückhaltend, aber ohne besondere Höhepunkte und Intensität. Die Tatsache, dass sich die Heldin umbringen will, der Held sie davon abhalten will, und er sie dann sich umbringen läßt trägt das ganze, interessant ist aber eher das Milieu als die Personen als der versprochene Seefrüchtegenuss. Nach den hymnischen Venedig Kritiken eine herbe Enttäuschung.

"Bolivia" (3.5/4)

[viennale]
"Zeit der Betrunkenen Pferde" auf argentinisch. Auch auf billigst DVD Video Material, schwarz weiß, aber inhaltlich viel interessanter als etwa "Seafood". Ein fremder Koch in einem kleinen argentinischen Strassenkaffee, Alltag und Gespräche der Belegschaft und Gäste zu einem kleinen Gesamtkunstwerk verwoben, ohne dass man es merkt. Großartig. Endlich kann man Wong Kar Wei's Schwülst-Epos "Happy Together" vergessen.

"Suture"

[viennale]
...Dürfte so ein kleines Memento sein, ist allerdings von 1993!
Bernardinelli sagt es wäre ein Desaster [www], allerdings hebt er den wirklich desaströsen Kenneth Branagh Thriller "Dead Again" in den Himmel. Viel Spannung und Bild an der Oberfläche, aber vorhersehbare, intellektuell psychologisierende und uninteressante Handlung mit bemühten Hitchcock Färbung. Eine Katastrophe.

"Sanam" (1.5/4)

[viennale]
Typischer persischer Kinderfilm. Wir werden sehen, ob er an die großen Vorbilder von Kiorastami, Bahman Ghobadi (Zeit der betrunkenen Pferde) und Mohsen Makhmalbaf herankommen kann.
Wie befürchtet leider nicht. Sogar viel schlechter als befürchtet. Im Fahrwasser der beliebten iranischen Kinoaesthetik wird eine bemühte Geschichte um Aussenseiter schelcht und unglaubwürdig erzählt. Selbst wenn in der Türkei die Bauern mit dem Sakko auf dem Acker arbeiten, schminken sich in Persien die Landarbeiterinnen noch lange nicht, wie hier die schöne Schauspielerin für den Film. www.cinemairan.com

Maelström (3/4)

[viennale]
In etwa die gleiche Ausgangspostion wie im vorigem ausgezeichnetem Film "Der 32. August auf Erden", das heißt eine junge wunderschöne erfolgreiche Frau kommt mit ihrer Karriere nicht zurecht, und steigt, durch einen Autounfall aus der Bahn geworfen, aus. Diesmal beschließt sie aber nicht ein Kind zu bekommen, sondern siniert anhand des durch sie verursachten Todes eines Passanten über den Tod, in allen seinen Greenaway Formen. Leidlich verspielt und überhöht, bietet er einige Komplexitäten, aber zuwenig Tiefen. Beim straighten 32.August hat's um einiges besser funktioniert.

"I Am Josh Polonski's Brother"

[viennale]
Leider versäumt.

Yi Yi (3/4)

[viennale]
Als Meisterwerk hochstilisiert, bietet er gepflegte Familienunterhaltung. Der erste würdige Antonioni des 21. Jahrhunderts, allerdings nicht das Meisterwerk, wie wir es aus dem Fernen Osten erwarten konnten. Für Ang Lee, Shinji Aojama und Kijoshi Kurosawa gilt das eher.

Ghost World (2.5/4)

[viennale]
Brave Teeniekomödie des Crumb Regisseurs, der seine jugendlichen Helden als Erwachsene betrachtet, aber nicht an Sophie Coppola's "Virgin Suicides" herankommt. Trotzdem ein angenehmer Film.

"Heist" (2.5/4)

[viennale]
Memet als Studiohöriger: Das Experiment ist gescheitert. Funktioniert ganz gut als konventionelles Starspektakel, Hackman als gerissener Gangster. Der Rest ist aber nicht mehr als gute Unterhaltung und knapp über dem Durchschnitt. Angesichts der Gaunerfilm Misere der letzten Hollywood Jahre liegt dieser Schnitt sehr tief. Man sollte sich lieber zB an Johnny To halten. Vor allem von Rebecca Pidgeon bin ich enttäucht. Kein Vergleich zu "Winslow Boy" oder "State of main".
Update: Trotzdem macht sich Heist an der Kasse sehr gut. In den US aktuell unter den TOP 5. Gleich hinter Harry Potter und Monsters, Inc!

"The Orphan of Anyang" (4/4)

[viennale]
Einer der Höhepunkte neben "Bolivia" bis jetzt. Nachdem ich die anderen chinesischen Filme leider alle versäumt habe und Seafood eine Enttäuschung war, versöhnt Anyang über alle Maßen. Ein Roman über ein Kind staubtrocken erzählt, im Sinne eines nicht interpretierten Realismus, sogar meist ohne Worte.

"Memento" (4/4)

[viennale]
Ein Rätsel warum dieses Meisterwerk bis jetzt vom Verleih zurückgehalten wurde. Schließe mich allen zahlreichen Kritiken vollinhaltlich an.

"Versus" (0/4)

[viennale]
Wenn man das johlende Publikum hier erleben durfte versteht man einiges. Nicht aber die Veranstalter. Jedenfalls durfte man den schlechtesten Film des Jahrzehntes anhand der Publikumsreaktionen eines ausverkauften Gartenbaukinos beobachten. Was ist wohl dem Ungerböck da eingefallen? Ein schlechter Scherz auf unsere Kosten und großer Spaß für die Hirnlosen á la Scary Movie 2. Eine Katastrophe.

"Martha... Martha" (3.5/4)

[viennale]
Ohne die Variante des Schlußes, der absolut beste Film bislang. Der Film ist eine gute Mischung der Stärken der zwei vorigen, dem fantastischem "Wird es zu Weihnachten schneien?", der zum Glück gerade im ARTE lief, und danach "Victor, solange es zu spät ist". Von Noel der gnadenlose Realismus, aber abstrahiert auf die Zyklen des Wetters und Landes, von Victor das Portrait des Kindes und die perfekte Technik, ganz im Gegensatz zu Noel. Lediglich die poetischen Schlußszenen, die von den meisten Kritikern besonders gelobt werden, stören mE den Fluß inhaltlich und formal.

"Confort moderne" (0.5/4)

[viennale]
Bislang zweitschlechtester Film auf der Viennale. Bemüht politisch korrekter Frauenfilm, aber so schlecht gemacht, daß "Versus" schon fast lustig ist. Das Thema des Filmes ist leidlich interessant und wenn man formal keine Ansprüche stellt, das heißt wer auch dem ORF Hauptabendprogramm einiges abgewinnen kann, dem sie dieser einfache Film empfohlen. Die nächste Katastrophe.

"waydowntown" (3/4)

[viennale]
Jugendlich beschwingte Inszenierung eines modernen und städtebaulichen Traumes, das ganze Leben in Gebäuden zu verbringen, alles um sich, Arbeit und Wohnen und Freizeit überdacht und unabhängig. Der Held läßt seine komikartigen Träume einfließen, das rettet den Film und hebt ihn aus der Masse hervor. Allerdings hinterläßt er keinen nachhaltigen Eindruck.

"Lovely Rita" (3/4)

[viennale]
Nach Studium des Drehbuches und der ersten 20 Minuten wurden alle Befürchtungen bestätigt. Der vorige großartige Kurzfilm Inter-View litt unter dem jenseitigen Schluß, bei "Lovely Rita" befürchtete ich auch den unverständlichen Mord zum Schluß, das "Haneke-Syndrom". Warum müssen unserer Regisseuere immer zur gewaltigen Überhöhung greifen? Aber nach den ersten 20 Minuten legte sich mein Ärger und ich wurde vom Zauber der Darstellung, dem Humor und der mir schin vorher bekannten Geschichte hinweggerissen. Es gibt nur wenig Bücher deren Verfilmung adequat oder sogar besser ist. Lovely Rita funktioniert als Film wunderbar, als Buch überhaupt nicht, weil es um die Sprachlosigkeit geht, um Blicke, um unausgesprochene Szenen, von Laien gespielt. Schauspieler hätten alles auf den Punkt gebracht, hier schwebt alles, die Meinung bildet sich beim Sehene und wird hinterfragt, ein Schauspieler oder Buch kann das nicht. Ein Erfolg.

Das weiße Rauschen (4/4)

[viennale]
Einer meiner Lieblingsfilme hier. Der lang erwartete kongenialer Partner zu "Mein Stern". Ein Meisterwerk. Der deutsche Film kann sich wieder herzeigen.

Millenium Mambo (0/4)

[viennale]
Eigentlich eine sehr interessante Geschichte. Die Fadesse junger, schöner, oberflächlicher Discoteenies wird fade, oberflächlich und schön präsentiert. Wenn Stefan Grissemann vom "definitiv schönsten Film des Jahres" spricht, meint er das wahrscheinlich zynisch, denn ohne Schönheit verschwommener und oberflächlicher Bilder kann uns der Film nichts bieten. Schade, denn wie gesagt, mit etwas mehr Mühe und einem richtigem Regisseur neben dem Kameramann, hätte man daraus einen richtigen Film machen können. Ein Film, bei dem Interesse an den langweiligen und dummen Helden geweckt wird, eine Geschichte erzählt wird. Aber so scheitert er wie Haneke's "Code Inconnu", nur ist die Sprachlosigkeit mit Sprachlosigkeit zu präsentieren leichter, als hier die Oberflächlichkeit mit Oberflächlichkeit. Cannes und Viennale, eine Schande diese Auswahl.
Zielgruppe: Freunde schöner Bilder (etwa Dienstag Nacht ORF Softsex), poetisierte "life-as-one-big-rave" Freunde, Liebhaber des "style-over-substance", die es ja bekanntlich in großer Anzahl geben soll. Aus diesem Film ging aber die Mehrzahl der Zuseher vorzeitig. Der Katastrophe vorletzter Teil.

Secret Ballot

[viennale]
Brave politische Satire. "A Dog's Day" war aber prägnanter und pointierter.

Le Pornograph (0/4)

[viennale]
Der Katastrophe letzter Teil. Intellektuell verbrämte Sehnsucht nach dem "guten Pornofilm" der goldenen Siebziger, allerdings im Style der schlechten 80er, gemixt mit unglaublich unreifen Klischees und wehleidiger französischer Poesie im Zwiespalt zwischen Sex und Liebe, Begehren und Eltern. Ein Thema, das besonders in Frankreich bei intellektueller Betrachtungsweise immer ins Verderben führt. Wenigstens gibt es wieder einmal einen Blowjob im Kino, deswegen vielleicht der Kritikerpreis in Cannes. Halbwechs hübsche Darstellerinnen und etwas weniger Unsinn in den Dia- äh Monologen hätte auch geholfen. Dagegen ist ja sogar "Pola X" erträglich. Wenn das Thema jemanden interessiert, empfehle ich Alex DeRency. Das ist der Meister.

A Dog's Day

[viennale]
Anspruchsvolle politische Satire aus dem indischen Süden. Stark.

Paria

[viennale]
Einer der Höhepunkte dieses Jahres. Ausgezeichnet. Realistische DV Studie über Obdachlose in den Straßen von Paris, die zum Weihnachtsfest aufgesammelt werden, um das Stadtbild zu verschönern.

Resume & Ausblick

Mehr sehr gute Filme als letztes Jahr, aber leider unerträglich viel sehr schlechte Filme, deshalb eine katastrophale Bilanz. Von einem Festival darf man das nicht erwarten, vor allem wenn es sich freispielen will. In der Masse kann man sich vom Kinojahr 2002 nicht sehr viel erwarten. Die besten Viennale Filme werden keinen Verleih finden, die schlechten wie "Le Pornograph", "Millenium Mambo" usw. sehr wohl. Hoffentlich war nur der Hurch 2001 so schlecht drauf, und nicht die ganze Filmindustrie. Wenn man allerdings nach der Viennale Auswahl geht, kommt ein ähnlich katastrophales Jahr wie 2000 auf uns zu.

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Reini Urban | Created: "2001-10-22 rurban" | Last update: "2002-02-24 18:29:48 rurban"