Viennale Rückblick 2000 auf Radio Helsinki
Gesendet: Mi 1.Nov 2000, 15:00-16:00
Autor: Reini Urban
Viennale Allgemein ("Mission Statement")
zur
Viennale 2000 an sich
am anfang noch allgemeine übersicht, danach evtl. dieser insider tratsch:
hurch wird ja etwas kritisiert daß horwath mutiger gewesen wäre.
(zb falter). aha. ich finde die viennale wie
immer ausgezeichnet, den dancer muß man sich ja nicht unbedingt sofort
geben, der ö bezug ist durch die jungen ausländischen mädels auch
gegeben (luif, coppola, usw). weiter so.
Filmbesprechungen
Die Kurzinhalte fehlen noch; siehe die Viennale Links.
viennale
recht guter und braver eröffnungsfilm im stil der frühen 80'er
gesellschaftskomödien. gut das es solche filme noch gibt. besser als
sereau, aber weniger spritzig deville oder blier. thema: vorurteile
viennale
für mich bisher der beste film des jahres. nicht umsonst sundance
sieger. gewinnt hoffentlich die standard publikumswertung um einen
verleih zu bekommen. thema: familie, kommunikation, usw.
viennale
technisch sehr störende kamera und allzu zielgruppeneinschneidende
handlung (wie zB bei auch diego donnhofer's "the virgin"). verwackeln
und tiefenunschärfe muß nicht immer realismus bedeuten, hier eindeutig
unfähigkeit. ansonsten ganz nett, aber eindeutig nur für leute unter
25.
viennale
formal selbstverliebt aber nicht ertragbares video. fast ohne handlung, zu
80% unscharf und verzerrte farben, lediglich der anfang und der schluß
weckten mich aus dem schlaf. das ganze wäre akzeptable als 5 minuten video
aber bitte nicht über 60 minuten. der regisseur ist auch anwesend und
interessiert sich mehr für sich als für die leute dort oder was passierte.
viennale
mein zweitbester viennale film bislang. "fucking amal" litt für mich
unter dem unbefriedigendem schluß. tillsammans ist viel runder,
lustiger und ernster als "fucking amal". eine möchtegern hippiekommune
in schweden zu zeit von abba's "SOS".
viennale
menschlich feine studie in persien am rande zu afghanistan. themen:
ausländer, toleranz, tradition. schön, daß dramatische themen auch
gänzlich undramatisch behandelt und gelöst werden können.
(2.5/4)(4/10)
viennale
ich bin schwer enttäuscht von diesem film, von dem ich mir sehr viel
erwartet habe. ein guter film, aber kein sehr guter. es geht mir so
ähnlich wie bei "nordrand", nur treten die schwächen von "manila" viel
deutlicher auf. das drehbuch ist an vielen stellen ziemlich platt, das
hochkarätige ensemble betreibt over-acting, karmakar kann nur an
kleinen punkten das spektakel brechen und die eigenintelligenz
fordern. insbesonders am höhepunkt des filmes am großen schlußchor zu
verdi's nabukko. dazu gibt's mehr. (karmakar-20001021.txt)
viennale
doko über die sex pistols, formal auf bbc niveau, paßt also überhaupt
nicht zum revolutionären thema punk. aber die inhalte an sich, die
karriere, die insider streitereien, die musik trösten über das meiste
hinweg. ich bin von julien temple viel besseres gewohnt, das ist eher
eine ziemlich schnell und unengagierte doku, als nachspiel zum "great
rock'n roll swindle". Kurzinhalt: Malcom ist ein Arsch.
viennale
drittbester film bis jetzt. erwartet habe ich einen typisch
nostalgischen rückblick auf die kindheit des regisseurs, an dem schon
andere regiegrößen gescheitert sind. bob rafelson, paul mazursky,
woody allen, usw. nicht so barry levinson. da zeigt sich die stärke
des hollywood kinos, hervoragende ausarbeitung des drehbuches, und
spritzige publikumsgerechte inszenierung. die jungen jüdischen helden
müssen erkennen, das es noch7 eine andere welt draussen gibt. und das
diese ihnen nicht gerade wohlwollend gegenübersteht. was anderenorts
zu konfliktbeladenen auseinandersetzung mit der rassistischen thematik
versumpern würde, artet hier in ein plädoyer für alle menschlichen
tugenden aus, ohne moralisierend wie typische ostblock- oder dritte
welt filme zur gleichen thematik zu werden. intelligenz, toleranz,
liebe, gewaltfreie konfliktlösung, eine rechte hetz. empfehlung.
viennale
ohne bewertung, da ich eindeutig nicht in die zielgruppe passe. antike
filmdokumente aus den 20-40er jahren, undokumentiert, vom balkan. könnte
aber überall passiert sein. für filmhistoriker und geschichtswissenschaftler
interessant.
viennale
eine low-cost verwechslungskomödie-thriller der kühlen lakonischen art aus
thailand, aber sonst stark an "el mariachi" erinnernd. einige schwächen der
inszenierung und der schauspielerkunst werden gern wohlwollend übersehen,
weil die handlung für alles entschädigt. ziemlich viel kino für so einen
kleinen film.
viennale
super-billiges home-video als spielfilm, gedreht mit einer sony dv10,
geschnitten auf einem apple mit media 100. hier darf man nur den
inhalt bewerten, da die form sehr an der schwachen technik
leidet. selbt verglichen mit den üblichen dogma filmen oder billigst
pornos. man muß allerdings unter diesen umständen die relativ gute
tonqualität und die hervorragenden schauspieler leistungen loben. das
sozialdramatische thema, die geldspirale aus der es kein entrinnen
gibt, kann gut in dieser form leben. empfehlung, obwohl meine
bewertung natürlich auch formale kriterien beinhaltet, die andere
weniger störend empfinden mögen.
viennale
ein gerichtsfilm der modernen art über das postmoderne frankreich,
obwohl es auch in österreich spielen könnte. und dort hätte die heldin
wahrscheinlich eine härtere strafe bekommen. das verteidungsargument
des notstandes bei einem supermarkt diebstahles wird in der zweiten
instanz aufgehoben. im zweiten blick verständlich, aber beide
entscheidungen sind problematisch. wichtiger als die entscheidung sind
aber die moderne heldin und der umgang mit der heldin. ein sehr
ermutigender film.
viennale
der absolute höhepunkt des festivals, der kritikerpreis von
cannes. ein monster von dreieinhalb stunden, aber die vergehen wie im
flug, obwohl sich die handlung rein im inneren abspielt. kaum worte,
kaum große bilder. ähnlich aber viel besser als der letzte japanische
preisträger "der aal". es mag an tarkowskij "andrei rubljow" zB
erinnern, ist aber viel spannender als der "stalker". lediglich über
details kurz vor dem ende mag man streiten. der titel selbst erinnert
an nicolas roeg's "eureka", ein vergleichbares filmmonster, das durch
das united artists debakel für einige jahre in der schublade
verschwand, aber dann doch eine verlieh fand. dies wird dem japaner
nicht widerfahren, er läuft äüßerst erfolgreich, auch dank dem cannes
preis, obowhl wir in graz wahrscheinlich erst im herbst nächstes jahr
bekommen werden. der titel wurde durch jim o'rourke's schallplatte
inspiriert, der den titel wegen nicolas roeg's film wählte. mich
erinnert der film stark an eines meiner lieblingsbücher, "das große
heft" von agotha christof. trotzdem ist "eureka" nicht ganz mein
lieblingsfilm der viennale, "you can count on me" gefiel mir besser.
viennale
davor: der versuch auch die hartgesottesten kritiker zum weinen zu bringen,
soll ja angeblich funktioniert haben. leider kann ich selbst nicht
viel dazu sagen, karten waren trotz größter anstrengungen unmöglich zu
bekommen. allerdings waren die leute die aus dem saal kamen, sichtbar
gezeichnet, und die projektion des nächsten filmes verzögerte sich,
weil erst die gänge von den tränenströmen gereinigt werden
mußten. nüchtern betrachtet ist der film wohl ein ziemlicher schmus,
wohlwollend betrachtet äußerst interessant. da der film am donnerstag
eh in alle kinos kommt, reservierte hurch nur einen gartenbau
prime-time termin, thematisch passt er auch nicht ganz zur viennale.
pathos und melodramatik pur.
danach: einige meiner Kritiken auf de.rec.film.misc.
(schade um die gute björk...)
die anderen filme, die die vienale als verleihstart benutzten:
"virgin suicides" (O-Töne),
"der krieger und die kaiserin"
(
derStandard Kritik) sind allesamt auch empfehlenswert. leider werden wir von
den meisten guten filme aber nie etwas sehen:
"suzhou he" aus china, "djomeh" aus dem iran und "you can count on me"
aus amerika. auf "tillsammans", "eureka",
"george washington" und die deutschen
"paradiso" und
"die innere sicherheit" wird man noch einige zeit warten
müssen. zuerst kommen noch die guten filme des letzten jahres dran,
"felicia's journey", der neue atom
egoyan, wieder fies und subtil, und
"le petit voluer" (der kleine dieb), der neue Erick Zonca, der
zweite film nach "la vie revee des anges" (liebe das leben),
ähnlich wahrhaft und intensiv. beide im augarten kino demnächst. im
rechbauer kommt nur lovers (dogma #5) und am
freitag abend was besseres.
filme, die sich feinspitze ersparen können, sind
"animal factory" der
erste von steve buscemi , "manila" von romuald karmakar (stattdessen
kann man seine neue himmler rede gehen),
"topsy curvy" von mike leigh,
"merci pour le chocolat" von claude chabrol, "jesus son" von alison
macLean. für liebhaber interessant dürfte sein
"the house of mirth"
und
"summer of sam", der neue spike lee.
"ternitz tenessee", der erste langfilm von miriam unger,
bekannt durch fm4 aber vor allem durch ihre zwei hervorragenden
kurzfilme in den letzten zwei diagonale jahren muß patriotischerweise
unterstützt werden. persönlich setze ich mehr in sie als in barbara
albert, aber die routine und die qualität muß wohl erst noch
reifen. das selbe gilt auch für jessica hausner, die zweite große
junghoffung, deren erster langfilm "lovely rita" auch bald in
die kinos kommt. für die viennale war er leider noch nicht fertig. die
weltpremiere, das erstfestival muß ja heutzutage mit bedacht
ausgesucht werden. da paßt das konzept der "viennale", qualität zu
heben ohne preise zu vergeben, nicht ganz dazu. die meute giert nach
preisen ohne die qualität in jedem film zu suchen. es kann bei 15
guten filmen nur einen ersten geben, deshalb sind die anderen 14 auch
nicht schlechter.
Reini Urban
Created: "2000-10-21 rurban"
Last update: "2002-03-11 21:19:37 rurban"