http://filmtext.com/start.jsp?mode=2&lett=s&archiv=494 Sie haben Knut , D 2003. R: Stefan Krohmer, B: Daniel Nocke, Schn: Stefan Krumbiegel, K: Benedict Neuenfels, D: Valerie Koch, Hans-Jochen Wagner, Pit Bukowski, Alexandra Neldel, Ingo Haeb, Daniel Nocke, u.a. Alamode Film, 23. Oktober 2003 "Tschuldigung, Nadja, Veto!" Es ist nach eigenem Bekunden das Milieu ihrer Eltern, das Stefan Krohmer und sein Drehbuchautor Daniel Nocke mit "Sie haben Knut" nachzeichnen. Auf engstem Raum, in einer Skihütte in Tirol, implodieren die Lebensentwürfe einer Gruppe von Anti-Atomkraft- und Friedensbewegten des Jahres 1983. Ähnlich wie schon Ang Lee in "Der Eissturm" oder Lukas Moodysson in "Zusammen!" für die Dekade zuvor, nutzen die beiden immer wieder die Perspektive der Kinder, um die Ideale der Erwachsenen auf ihre Realitätstauglichkeit hin zu überprüfen. Das Versprechen der Weite und Ruhe winterlicher Berge - von Kameramann Benedict Neuenfels ("Bunte Hunde", "Felsen") in einigen Sequenzen Sehnsüchte weckend ins Bild gesetzt - hat Nadja (Valerie Koch) und Ingo (Hans-Jochen Wagner) bewegt, dort noch mal alles auf eine Karte zu setzen. Es sollen Ferien werden, in denen sie ihre marode Beziehung wieder in den Griff bekommen. Doch ausgehandelt werden muss das in der schummerigen Enge der Hütte. Und wenn Ingo am Küchentisch zu Nadja sagt, er wolle "den Wettkampf, wer die meisten Affären hat", beenden, die "offene Beziehung aufkündigen", dann gibt man den beiden schon dieser Enge wegen keine großen Chancen. Als dann noch das Volleyballteam von Nadjas politaktivem Bruder Knut samt Nachwuchs unangekündigt in die Hütte einfällt, ist das Drama vorprogrammiert. "Ich bin gern unter Leuten, das wird bestimmt eine schöne Zeit für uns", versucht Nadja vergeblich, den völlig aufgebrachten Ingo zu beruhigen. An der Frage, wie mit der mutmaßlichen Verhaftung von Knut umzugehen sei, wird sich der zweite Konflikt des Films entzünden. Abreisen oder Dableiben, Skifahren und Amüsieren oder Solidaritätsarbeit aus der Ferne, Diskutieren oder Schäkern: Es gibt so viele Möglichkeiten, wie wenig später Fraktionen und durcheinandergewürfelte Paare in der Gruppe. Den Tonfall der Szene hat "Sie haben Knut" aufs Genauste getroffen. Nocke selbst spielt den Politobermacker Wolfgang, der Lachen in so einer Situation schon für Verrat hält. Spätestens wenn er "Tschuldigung, Nadja, Veto" sagt, dürften auch die letzten Zweifler den Recherchen des Film vollstes Vertrauen schenken. Die große historische Detailgenauigkeit von Krohmer und Nocke spiegelt sich weniger in der Ausstattung oder im Soundtrack des Films, als in den zahlreichen Dialogen. Das ist nicht nur eine Entscheidung dafür, dem 80er-Jahre-Phänomen des Ausdiskutierens gerecht zu werden. Es kann auch als mutiger Schritt gelten in der deutschen Kinolandschaft, wo die Darstellung von Zeitkolorit sich oft in emblematischen Inszenierungen erschöpft. Selbstredend sind die Wortgefechte und Pärchenstreits in der Gruppe für den einen oder anderen Lacher gut. Es wäre aber schöner gewesen, wenn der Film dabei weniger darauf gesetzt hätte, dass über die Leute gelacht wird als mit ihnen, wie das Moodysson mit "Zusammen!" vorgemacht hat. Den durchaus vergleichbaren Peinlichkeitsfaktor seiner 70er-Jahre-Hippie-WG hat Moodysson nie derartig ausgespielt, dass mit dem Kind der Äußerlichkeiten gleich auch das Bad der Überzeugungen ausgeschüttet worden wäre. Obwohl "Sie haben Knut" dem Publikum auch Gelegenheit gibt, über sich selbst zu lachen, strandet die seismographische Überprüfung einer Zeit, in der Bierernst und Hedonismus in besonderer Weise miteinander gerungen haben, immer wieder in der Vergackeierung. Trotzdem: Allzu einfach macht es sich der Film nicht mit dem historischen Urteil. Es ist vor allem das differenzierte Spiel der Darsteller, das den Konflikten der Zeit überzeugend eine Chance gibt. Christiane Müller-Lobeck