Neue Zürcher Zeitung In «Limbo» setzt ein unerwartetes Ereignis in der Mitte der Geschichte nicht nur eine radikale inhaltliche Zäsur; auch erzähltechnisch verfährt der Film nun ganz anders. Wiederum geht es um die Transformation von der Zivilisation in die Wildnis, den Urwald, und wiederum sind es bewaffnete Männer, die den Gang der Handlung einschneidend verändern. Was Sayles glaubhaft zu vermitteln vermag, ist der Schock, der seine drei Hauptfiguren trifft, als sie, die sich auf einer Vergnügungsfahrt in den wildromantischen Gewässern Alaskas wähnten, sich plötzlich in einer Geschichte auf Leben und Tod wiederfinden, die ihre eigene ist: (fast) ohne Vorwarnung, auf einen Schlag und ohne viel mehr als das nackte Leben auf eine unbewohnte Insel zu retten. Bedauerlicherweise verfällt Sayles hier in einen schleppenden, mitunter auch - besonders in der unglücklichen «Er-Findung» eines von Anfang an höchst unwahrscheinlich klingenden «Tagebuchs», in dem die junge Noelle die Situation der Ausgesetzten zu reflektieren hat - geschwätzigen Erzählton. Er steht in scharfem Kontrast zur ersten Hälfte, insbesondere zur virtuosen Exposition, die Personen und Situationen knapp und witzig präzis ausleuchtet. Hier werden sarkastisch der (Luxus-)Tourismus und dessen Promotionssprüche glossiert («History is our future»), ebenso wie die Goldgräberstimmung von Investoren, die aus Alaska «one big theme park» machen wollen. Kontrastiert wird diese Invasion aus dem Süden mit dem rauhen Charme der Arbeiter in der Fischfabrik, die vor der Schliessung steht, der Komik des zugezogenen lesbischen Pärchens, bei dem die eine die andere beständig und völlig fruchtlos in nautischer Terminologie korrigiert. Nicht von ungefähr gelingen dem Kameramann, Haskell Wexler in seiner dritten Zusammenarbeit mit Sayles, hier die aussagekräftigsten Bilder. Zu seinem eigenen Schaden lässt der Film dieses ganze Personeninventar, das das Material zu einer Altmanschen Satire abgegeben hätte, in der Hälfte sang- und klanglos abtreten. Hoch gekonnt ist schliesslich auch die Einführung der drei Hauptfiguren: der vorerst noch namenlosen, kindlich-ernst gefassten Noelle (Vanessa Martinez), der hypernervösen Sängerin Donna (Mary Elizabeth Mastrantonio), ihrer Mutter, wie sich herausstellen wird, die eben wütend ihr Engagement in einer Rockgruppe aufkündigt, sowie des schweigsam-attraktiven Joe (David Strathairn, der seine Schauspielerkarriere 1978 in Sayles' Erstling, «The Return of the Secaucus Seven», begann und der seither in fünf weiteren Filmen von Sayles mitgewirkt hat), der seine Wirkung auf Donna nicht verfehlt, die ihrerseits nicht ahnt, dass er bereits der Schwarm der Tochter ist. Das alles ist bestechend, mit zahlreichen kleinen Glanzlichtern, erzählt. Was nicht ausschliesst, dass dem hervorragenden Drehbuchautor (und vielbeschäftigten script doctor) dramaturgische Unbeholfenheiten unterlaufen wie die Episode, in der der Barkeeper zuhanden des Kinopublikums die tragische Begebenheit erzählen muss, die zu Joes «Rückzug aus dem Leben» geführt hat (ein Ereignis, das wir später auch noch als Albtraum Joes zu sehen bekommen werden!). Die Crux des Films ist aber wohl doch der Bruch in der Mitte, der die Figuren in eine «existentielle» Krise verschlägt. Hier zeigt sich, dass Sayles' «wildes» Alaska ebenso literarische Erfindung bleibt wie das von David Mamet für Lee Tamahori in «The Edge» (1997) entworfene. Sayles mag sich mit etwas mehr Glaubwürdigkeit darum bemühen, die Schwierigkeit des nackten Überlebens der drei zu zeigen, die sich da eben mit knapper Not vor gesichtslos bleibenden Killern aus dem Drogenhandel gerettet haben. Doch alle Psychologie wird banal, wo es nicht gelingt, die unerträglich abwartende Totenstille einer Natur kurz vor Herbststürmen und Winterkälte, den endlosen, kalten Regen, die Not des leeren Magens zu mehr als gefälligen Aperçus zu arrangieren. Christoph Egger 28. Oktober 1999 / Neue Zürcher Zeitung, 29. Oktober 1999 --------------------------------------------------------- jump-cut.de *Abgedreht ist John Sayles' neuester Film, Sunshine State. Produzentin Maggie Renzi berichtet (laut Film Comment), dass der Film am ehesten dem aus vielen Einzelgeschichten bestehenden City of Hope ähnelt. Keiner erzählt Kinogeschichten wie John Sayles. Robert Altman hat ein Faible fürs Episodische, Jim Jarmusch für die Langsamkeit, aber nur John Sayles macht diese Art von Erzählkino, die man altmodisch nennen würde, wenn es das denn je zuvor gegeben hätte. Sayles ignoriert alle Drehbuchschulen-Dreiaktigkeit einfach, seine Plots spotten jeder narrativen Konvention. In gewisser Weise dreht er Romane, das Kino-Äquivalent dessen, was als Literatur Roman ist - und zwar im Gegensatz zur Novelle und ihrer unerhörten Begebenheit. . Wie in seinen anderen Filmen ist auch in 'Limbo' (der deutsche Titel macht keinen rechten Sinn und man muß das Publikum nicht für dumm verkaufen) die präsentierte Welt sofort überreich ausgestattet: mit Figuren, Geschichten, Episoden. Es ist bezeichnend, daß gleich zu Beginn, als die Entwicklung der Geschichte noch völlig offen ist, der spätere Protagonist wie zufällig im Hintergrund durchs Bild läuft, wie unbeabsichtigt, einer von vielen, für die der Film sich zuerst interessiert. Es gibt nur ein Erzähl-Prinzip: das der Kontingenz. Aus dem Miteinander der Figuren entstehen hier und dort Verknotungen, Verknüpfungen, von denen aus weitererzählt wird. Es ist die Mimesis an den Dokumentarfilm: ein Berichterstatter nähert sich einer ihm fremden Welt (und in der Tat recherchiert John Sayles seine in ganz unterschiedlichen Milieus spielenden Geschichten offensichtlich erst einmal sehr genau), beobachtet dies und jenes und konzentriert sich dann auf eine Person, eine Geschichte. Die Verdichtung geschieht hier beinahe unmerklich, zunächst werden immer noch andere Figuren dazwischengeschnitten. Tatsächlich erzählt Sayles in Schnitten, nicht kontinuierlich, sondern schichtend, durch nachträgliche Erläuterung, das Einholen von Vergangenheit geschieht in aller Ruhe. Und mitunter wird auch gar nichts erklärt, sondern einfach nur stehengelassen, ohne den Reim, den man sich darauf machen kann und auch nicht. . . 'Limbo', Sayles stärkster Film seit 'Passion Fish', ist von völlig unspektakulärer, aber erstaunlicher erzählerischer Dreistigkeit. Zuerst entfaltet er, in epischer Breite, das Panorama einer heruntergekommenen Stadt im Norden der USA, in der die Leute einst von der Fischerei lebten, jetzt aber zum großen Teil perspektivlos sind. Einige Personen werden recht ausführlich eingeführt: ein Lesbenpaar, das einen schweren Stand hat, mehrere Männer, die schon bessere Tage gesehen haben. Nach und nach erfährt man von ihren Schicksalen, stellt sich darauf ein, mit ihnen den Rest des Films zu verbringen - doch unmerklich verengt und verdichtet sich die Darstellung auf drei Personen: den schwermütigen John Castineau, die erfolglose Country-Sängerin mit dem katastrophalen Männergeschmack und ihre selbstmordgefährdete Tochter. Und in der Mitte des Films begeben sich die drei (mit Castineaus Bruder) auf ein Segelboot und lassen den zuvor etablierten Kosmos hinter sich, ohne daß der Film (mit einer kleinen, wenn auch nicht unwichtigen Ausnahme) noch einmal darauf zurückkäme. In einer ersten Wendung mutiert der Film darauf zum spannenden Thriller, in einer zweiten zur Robinsonade als Psychodrama. Erstaunlicherweise geht das völlig in Ordnung. Ist Unvorhersehbarkeit als narratives Prinzip erst einmal etabliert, ist alles erlaubt, solange es gut ist. Auch in seinen schwächeren Filmen ('Das Geheimnis des Seehundbabys' etwa) führt John Sayles das souverän vor und in seinen Meisterwerken, wie 'Passion Fish' oder 'Limbo', reibt man sich verwundert die Augen und fragt sich, warum in Hollywood keiner (oder kaum einer) sonst auf die Idee kommt, die Lehrbücher Lehrbücher sein zu lassen und ins offene Meer hinauszusegeln, auf eigenes Risiko. Es sind dort Momente des Glücks möglich, die einen ganz ungeschützt treffen, Augenblicke der Wahrheit, die ohne alles Pathos berühren - ohne daß die übliche Effektmaschinerie in Gang gesetzt werden müßte. Zu sagen, wie das genau funktioniert, geht über die Fähigkeiten dieses Kritikers. Es bleibt nur die Empfehlung, selber zu sehen.