Kinoskulpturen einer Industriewelt des Zerfalls Werkschau des japanischen Filmemachers Kiyoshi Kurosawa in Wien Nur nicht "schauspielen": Kiyoshi Kurosawa vermeidet in seinem puren Kino überflüssiges Beiwerk - auch in "Oinaru genei/Barren Illusion" (1999). Von STANDARD-Mitarbeiter Olaf Möller Wien - Es passiert selten, dass ein Regisseur in einer Stadt zu Gastwar und erst danach eine Werkschau seines Schaffens präsentiert wird: Kiyoshi Kurosawa, geboren 1955, besuchte bereits im Februar dieses Jahres im Rahmen einer Europa-Reise auch Wien und sprach dort an einem Abend im Filmcasino mit dem Publikum - das einige seiner Werke, "Cure" (1997), "Oinaru genei/Barren Illusion" (1999) und "Korei/Séance" (1999), dann vielleicht kannte, da sie schon auf der Viennale gezeigt wurden. Aber gut, Kurosawa ist an Verzögerungen wie Ungleichzeitigkeiten gewöhnt. So war er schon lang ein kontroversiell diskutierter Auteur in Japan, bevor man ihn außerhalb des Landes entdeckte, mit seinem ersten Meisterwerk, "Cure", einem Horror-Thriller um einen vom Mesmerismus besessenen Serienmörder in einer drückend-fauligen Welt des Zerfalls: Darüber, dass Vergangenheiten - eigene wie andere -einen immer finden können und dass sie erbarmungslose Rächer sind. Kurosawas Karriere war dabei auch eigentlich erst zwei Jahre zuvor so richtig in Gang gekommen. Bis 1992, als sein hypnotischer Slasher-Film "Jigoku no keibiin/Guard from the Underground" entstand, folgte seine Karriere einem eher erratischen Kurs: Es heißt, gewisse mafiose "Elemente" in der Industrie hätten dafür gesorgt, dass Kurosawa kein Bein fest auf die Erde bekam. Zäsur in Sundance Dann ging Kurosawa in die USA, um dort für zwei Monate als Stipendiat an Robert Redfords Sundance Institute an seinem Drehbuch zu "Charisma" (realisiert 1999) zu arbeiten. Dieser Aufenthalt - der in sich gar nicht so begeisternd für ihn war - markiert eine Zäsur in seinem Schaffen: Ab 1995 dreht Kurosawa zwischen zwei und fünf Filme pro Jahr, in der ersten Zeit primär für den in Japan immens wichtigen Markt der nur auf Video publizierten Produktionen, darunter den Zweiteiler "Shura no gokudo/Die Hölle der ehrenwerten Gesellschaft" (1998). In dieser fast schon ekstatischen Schaffenswut schärfte, klärte sich Kurosawas Blick für das Wesentliche. Hatten die Arbeiten seiner Anfangsphase noch einen gewissen Hang zum kommerziell-barocken wie offensichtlich-intellektuellen, so charakterisiert seine Filme spätestens ab "Fukushu/The Revenge" eine absolute narrativen Konzentriertheit und inszenatorische Schlankheit: Kino, das weniger durch seine Geschichten und die Psychologie seiner Figuren argumentiert als durch seine Bilder und Töne. Kurosawa sieht seine Aufgabe als Filmemacher im Finden von Strukturen wie Rhythmen, in der Geschichte folglich ihrer Inszenierung - in der Schaffung visueller wie audialer Räume, der Choreographie von Bewegungen: in einer mise-en-scéne des Materials. Was für ihn nicht dazugehört, ist die Arbeit mit Schauspielern und nur bedingt kinemathographischen Mitteln, wie etwa Musik. Schauspieler sind bei Kurosawa Präsenzen. Ähnlich wie die Darsteller bei Ozu - einem seiner großen Vorbilder - demonstrieren sie durch Gesten Gefühlsregungen. So wie die Geschichten durch das Einschleifen von Genre-Strukturen, dann die Rigorosität ihrer Inszenierung von Psycho-Unrat befreit werden: So entstehen Modellsituationen. Was durch die Orte und deren Ausstattung verstärkt wird. Kurosawa dreht oft in Räumen - gern Fabrikshallen -, die weit sind, klar strukturiert durch Balken und Flächen aus dichten weißen Licht, und ansonsten weitgehend leer: spät-industrielle Stilleben. Der dominante Farbton ist faulig-rostiges Braun: weichschmeichelnde Verwesung wie Wärme, extrem physisch, speziell in "Cure" und "Charisma". Zur weiteren Dynamisierung dieser Räume sind Geräusche absolut wesentlich. Kurosawa arbeitet mittlerweile am liebsten mit einer Mischung aus music concrète, komponiert genau gewählten O-Tönen, und einer Art Industrial-Ambiance-Klangteppich. Ersteres verleiht den Orten eine tiefere Plastizität, letzteres macht sie zu filmischen Räumen: Das eine hat einen gewissen "dokumentarischen", das andere einen "fiktiven" Charakter. Kurosawa ist zutiefst fasziniert von dieser Spannung zwischen Realität und Fiktion. Für ihn ist sie die Wesenheit des Kinos. Sein Mandala: ein Film der Gebrüder Lumière, in dem Arbeiter deren Fabrik verlassen. Sein größter Wunsch, im Augenblick: einmal mit einer Rückprojektion, wie im klassischen Hollywood-Kino, zu arbeiten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29. 4.2001)