Hubert Sauper Some situations are so unspeakably horrible, that it is a crime to switch on a camera. And yet, it can never be forgiven not to film. This would mean ignoring something that belongs to all of us - human reality. For several years I've been following wandering, migrating, rootless people: travelling artists, circus performers, gypsies - this has become a central interest to me as a filmmaker, perhaps because rootlessness and exile so define our times. But I was not prepared for what was to come. Naive enough to go to a country in civil war, I wanted to make a documentary about refugees and life on the run. What I found in the rotten jungle of the Congo were not refugees, but human beings in tens of thousands, muted by starvation and military persecution; silent; dying or dead. Without having intended, I became a witness to an apocalypse. The horror was not only seeing the results of another stupid war, another genocide, but understanding the continuing indifference of our „civilised" world towards such man-made disasters - and the obvious acceptance of sacrifying people’s lives for the sake of „development" in a very primitive imperialistic sense. A place like Central Africa is too rich to lose time on helping lost refugees. „Democratic dictators" are too important to us as commercial partners, so no one stops their „interior affairs" (-like wiping out a whole people for example). It’s not new. War-insiders call it business as usual. Reporters quote UN-emergency officers’ statements, declaring: „our main objective is to save human lives"; they add a few facts and numbers and then send out cameramen to hunt for closeups of victims, images to illustrate a flood of empty words. Humanitarian sermonizing never interested me. But when you really look into these kids’s big black eyes long enough, their pain strikes you, and it may never leave you. Children: without parents. Faces: without hope. Bodies: without graves. White men walking: over black corpses. TVcameras and machine-guns: shooting. Shooting right into the crowded camps. For me, making this documentary was a step too far into the dark, the unknown. And how to come back? They kept me in prison as a military spy and I ended up in hospital deadly ill. Now the film exists. „Spectators" may expect a well-reflected and reassuring commentary to comfort them, to protect them from the enigma they have to watch. But there is not much left to explain. The images stand for themselves, and while editing the Kisangani Diary, I used them chronogically as they had occured - naked and ugly. The audience is completely exposed to become an eye-witness to the „Heart of Darkness" of human nature. As a filmmaker in the middle of war, one is never detached from that reality, and I am aware of exposing myself with this film, more then anyone in it, to criticism. In the end, I want people also to discover...to find, what they don’t search. ----------------------- Hubert Sauper aus: Falter Nr. 30/97 In Falter 27/97 warf die Journalistin Sibylle Hamann einem im ORF ausgestrahlten Film über das Flüchtlingselend in Zaire vor, mit Bildern zu lügen. Diesen Film habe ich gemacht. „Es gibt keinen Grund, warum eine Reportage eines ahnungslosen Künstlers weniger oberflächlich sein sollte als jene eines ahnungslosen Journalisten", schrieb Sibylle Hamann, Auslandsredakteurin beim profil, in ihrem Artikel „Laßt Bilder lügen". Ihre Kritik richtete sich gegen den in der ORF-Reihe "Am Schauplatz" ausgestrahlten Film „Auf der Flucht" von Hubert Sauper. Hamann kritisierte, daß eine deklariert subjektive und künstlerische Haltung nur bequemer Vorwand sei, auf „dieses lästige WerWoWarum" zu verzichten",das uns an herkömmlichen Dokumentationen immer so nervt". In einer Passage, die den Film zitiert und kritisch kommentiert, heißt es: „‘Diese Menschen sind Hutu-Flüchtlinge aus dem fernen Ruanda‘, sagt der Film (und das ist alles, was er dazu sagt). ,1994, nach dem großen Genozid, sind sie hierher vertrieben worden.' Daran stimmt jedes Wort. Und doch ist es eine Lüge. Der Hinweis nämlich, daß es sich bei diesen Menschen nicht um ‚Opfer‘, sondem um die ‚Täter' des ‚großen Genozids' an den Tutsis handelt (...), fehlt." Im folgenden Text antwortet der kritisierte Filmemacher auf Hamanns Vorwürfe (Red.). Folgendes ist eine wahre, wirklich wahre und wirklich traurige Geschichte: Wir saßen lange am stillgelegten Bahnhof von Kisangani am Ufer des Kongo. Moskitos, kaum zu essen, schweigend herumschleichende Soldaten - die Provinzen Kivu und Haut-Zaire waren kurz zuvor von den Rebellen Kabilas (AFDL) erobert worden. Nach Tagen Verspätung und vielem Hin und Her setzte man für eine UN-Kommission die alte belgische Lokomotive wieder in Betrieb. Um nachzusehen, ob tatsächlich, wie die Einheimischen behaupteten, Massen von Flüchtlingen plötzlich aus dem Dschungel auftauchen. Wir fuhren also - ahnungslos -los. Vier französische Reporter, ein paar ängstliche Rotkreuzler, „die UNO" und ich (auch ängstlich). Die vagen Gerüchte stellten sich bald schon als grausige Wahrheit heraus: Die Flüchtlinge standen vor uns. Hunderttausend (100.000) Hutus aus Ruanda säumten wie wandelnde Skelette die Bahngleise! Sie hatten drei Jahre Fußmarsch durch den Tropenwald und erbarmungslose militärische Verfolgung hinter sich! Frauen, Kinder, Männer. Wohin man ging, lagen Menschen tot oder sterbend am Wegrand, erschossen, erschlagen, verhungert. Der ganze Wald stank wie ein umgegrabener Friedhof, jede Bewegung schien wie in Zeitlupe. Die einzelnen (Grenz-)Situationen filmte ich so, wie ich sie sah, oft staunend und zittrig vor Schrecken. Demnach entstand ein verstörender und - auch für mich - irritierender Film aus diesem Material. Nicht jedermanns Sache ... Die UNHCR begann nach einigen Tagen, Lager zu gründen und die „gerade noch lebenden" Flüchtlinge mit eingeflogenen amerikanischen gelben Erbsen zu verköstigen. Sogleich wurden eifrig Statistiken geschrieben: Montag: 129 Tonnen Erbsen, Todesrate: 207. Dienstag: Erbsennachschub für Mittwoch erwartet, Todesrate: 194, Tendenz: sinkend! Pest, Cholera, Malaria, „es gibt keine Krankheit, keine Seuche auf der Welt, die es hier nicht gibt", konstatierte ein Hilfsarzt. Am Mittwoch kam der Erbsenzug nicht, auch keine Trockenmilch für die Kinder, weil die UNHCR irgendeine »Sicherheits-Unterschrift" der Rebellen vermißte. Am Donnerstag: weder Erbsen noch Kindermilch (Todesrate: steigend ...), weil der Diesel der Lok verschwunden war! War das der Grund? Langsam begriffen wir, daß die AFDL wenig Interesse an der Ernährung der Hutus hatte oder, besser gesagt, viel Interesse an der Nichternährung derselben zeigte. Es war bald kein Geheimnis mehr. Man wollte die unerwünschten Ausländer ganz schlicht verrecken lassen. „Killing by starvation" nannte es der UNO-Generalsekretär. Hinter vorgehaltener Hand fiel schon häufig der Begriff "solution finale". Dennoch kam Hoffnung unter den Flüchtlingen auf. Es war ja die UNO da. Diese Hoffnung versuchte ich auch zu filmen. Die Kinder am Fluß, ihr offener Blick, ihre Lieder, eine gewisse Ruhe, die einkehrte ... Mit der subjektiven Sicht meiner Wahrheit, womit sonst? Die statistische Wahrheit übernahmen andere. Ende April, nur sechsundzwanzig Tage später, war alles aus: Die Flüchtlinge dieser UN-Camps, Kasese und Biaro, waren während der Nacht mit Maschinengewehren attackiert worden. Kranke und Kinder wurden, sehr „traditionell" und um Patronen zu sparen, mit Buschmessern ermordet. „Es handelt sich um systematisch organisierte Massaker von den ‚Befreiern Zaires‘, den Rebellen Kabilas" (UNO-Untersuchungsbericht unter Roberto Garreton, zitiert in Le Monde vom 14.7.1997). Dann: verlassene Lager. Leichenberge. Von Schubraupen verscharrt. So war es. Traurig und wahr. Die Kräftigeren unter den Flüchtlingen konnten während der Angriffe in die Wildnis entkommen - und verrecken jetzt halt langsam, am feuchten Waldboden des neuen demokratischen Staates Congo Kinshasa -, während wir den neuen Staatschef hochleben lassen. Die Schergen Kabilas hatten mir übrigens einen ungemütlichen Aufenthalt im Armeegefängnis von Kisangani beschert und mich als Militärspion taxiert. Sie boten „Eierquetschen" oder Kalaschnikow-Kopfschuß zur Auswahl an. Ich konnte mich nicht entscheiden. Und hab' mich nur derartig gefürchtet, derartig ... Die Rebellen der AFDL ihrerseits fürchten sich vor Kameras ebenso wie ich mich vor Gewehren, und sie haben allen Grund dazu. Ja, ich bin ein schlechter Kriegsreporter. Ich bin überhaupt kein Reporter. Aus der ganzen traurigen Geschichte machte ich einen ebenso traurigen Film. Er zeigt subjektiv „die Entdeckung" der Hutus und der toten Hutus, zeigt die Lager, wie ich sie erlebte - bis drei Tage vor dem seltsamen „Verschwinden" der Flüchtlinge. Dieser Film hat Sibylle Hamann ganz und gar nicht gefallen. Nun gut. Ich lese in ihrem Artikel: „Die Menschen, die jetzt in Ostzaire verhungern (nicht erwähnt: massakriert werden, H.S.), haben vor drei Jahren Hunderttausende andere umgebracht." Und „sie sind die Täter" eines großen Genozids, nicht Opfer ... Das ist pauschalierender Schwachsinn, einfaches Aufwiegen, das mich echt ärgert. Wer sind die Täter? Die Hutus? Kennt man die Schlächter an ihren flachen Nasen? Daß manche von ihnen zu Hause in Ruanda auch Täter waren, ist schon richtig. Aber wenn jemand im Sterben liegt und Hilfe braucht, ist es dann wichtig zu wissen, daß er (vielleicht) ein dreckiger Totschläger war?? Die meisten Hutus in meinem Film waren, ganz abgesehen davon, durchschnittlich sieben bis zehn Jahre alt... Die wirklichen Kriminellen des schrecklichen Genozids an den Tutsis hocken seit damals, seit 1994, in Kenia, Belgien und Frankreich, und die „Mörder-Krieger" der Interahamwe und FAR, der ehemaligen ruandischen Armee, weilten nicht in den Lagern Kasese und Biaro, die ich kannte und filmte, sondern versteckten sich noch immer im Urwald. Die Ruander, die wir südlich von Kisangani halbtot vorfanden, waren in jenem Moment Opfer. Hutus und Tutsis sind Leidtragende einer brutalen afrikanischen Stammesfehde, vor allem aber auch Opfer einer imperialistischen, „internationalen Politik", die diesen Konflikt seit Jahrzehnten bewaffnet und ausnutzt. Mein Film erklärt oder analysiert nicht, wie und warum es so kam, wie es ist, einen weiteren blöden Krieg, sondern schildert nichtjournalistisch einige seiner unsagbar grausigen Auswirkungen. Die Journalistin Sibylle Hamann meint, „der Dichterplanet hat gegenüber dem Journalistenplaneten den Vorteil, daß er unangreifbar ist, unbeeindruckbar durch Fakten". Das ist ein schöner Satz. Er stimmt aber nicht. Denn „angreifbar" ist Dichtung schon. Und weil Hamann mich nun ein für allemal auf den fernen „Dichterplaneten" verbannt hat, muß ich gleich auf die Vorteile ihres Planeten und seiner Bewohner aufmerksam machen: Journalisten können sich doch ohne Schwierigkeiten, ohne auch nur irgend etwas von sich preiszugeben, hinter Fakten und Tatsachen stellen und damit beeindrucken. Wenn man nichts Persönliches und Eigenes exponiert, dann ist man wahrlich „unangreifbar". Viele Bilder aus Kisangani, die ich wirklich zitternd und „sprachlos" gefilmt hatte, sind von den Agenturen Reuters und WTN überall in der Welt verstreut worden. Sie illustrieren zur Osterzeit die sprachgewaltigen Schlagzeilen von ABC, BBC, CNN, ... ORF. „Kisangani - das Ende von 100.000", „Apokalypse now am Kongo" ... Hauptabendinfotainment: Kinderaugen / Landkarte von Zaire / marschierende Rebellen / Blut / Schwenk / toter Flüchtling / die Glatze Kabilas. Sekundenschnitte. Darüber ein plärrender Text, der von der echten, heutigen Wirklichkeit spricht, Fakten ausspuckt ... Und jetzt Werbung. Und die Welt ist wieder in Ordnung. Ist sie das? In diesem Kontext haben meine Bilder „gelogen". Daß die Hutus in Ostzaire Massenmörder sind und ich ein ahnungsloser Künstler bin, ist ein ziemliches Mißverständnis von Frau Hamann. Und selbst als Ahnungsloser weiß man, daß Bilder, in denen Kinder verhungern, nicht lügen. Sie sind Realität, ob poetisch fotografiert oder nicht. AFDL: Alliance des Forces Démocratiques pour la Liberation du Congo oder „Rebellenarmee Kabilas". UNHCR: UN-High Commission for Refugees, Flüchtlingskommission. Zurück --------------------------- DARWIN’S NIGHTMARE ist eine Geschichte über Menschen zwischen dem Norden und dem Süden, über Globalisierung und über Fische. Irgendwann in den sechziger Jahren wurden in den Viktoria See in Ostafrika eine fremde Fischart eingesetzt - es war ein kleines wissenschaftliches Experiment. Der Nil Barsch, ein hungriges Raubtier, hat es innerhalb von drei Jahrzehnten geschafft, fast den gesamten Bestand der ehemals 400 Fisharten auszurotten. Mit dem Effekt, dass es derzeit so einen Überfluss dieses fetten Fisches gibt, dass seine Filets in die ganze Welt exportiert werden. An den Ufern des größten tropischen Sees der Welt landen jeden Abend riesige Frachtflugzeuge, um am nächsten Morgen wieder in die Industrieländer des Nordens zu starten, beladen mit hunderten Tonnen frischer Fischfilets. In Richtung Süden jedoch ist eine andere Ladung an Bord: Waffen. Für die unzählbaren Kriege im dunklen Herzen des Kontinents. Dieser florierende globale Handel von Kriegsmaterial und Lebensmitteln hat an den Ufern des größten tropischen Sees der Welt eine seltsame Stimmung und Menschenmischung erzeugt, welche die "Darsteller" dieses Films repräsentieren: einheimische Fischer, Agenten der Weltbank, heimatlose Straßenkinder, afrikanische Minister, EU-Kommissare, tansanische Prostituierte, russische Piloten... Die Idee zu diesem Projekt entstand während der Arbeit am Film KISANGANI DIARY, der die ruandischen Flüchtlinge am Beginn des Bürgerkriegs 1997 bis tief in den Dschungel des Kongo verfolgt. Eines Tages sah ich zwei gigantische Frachtflugzeuge auf dem kleinen Flugfeld von Mwanza geparkt, die beide bis zum Rand voll mit Lebensmitteln waren. Das eine war mit 50 Tonnen gelber Erbsen aus Amerika beladen, welche die Flüchtlinge in den UN Lagern ernähren sollten. Der zweite Flieger hob in Richtung Europa ab, mit einem schweren Bauch voller frischer Fischfilets. Die russischen und ukrainischen Piloten wurden bald meine "Kameraden", denn nur mit ihnen konnte ich mich in der Gegend fortbewegen. Schon nach wenigen Bieren und Vodkas erzählten sie mir lachend, dass sie nicht nur humanitäre Hilfsgüter in die Kriegsherde liefern, sondern eben auch das, was der Krieg braucht, Bomben, Minen, Kalashnikovs, Munition... spacer Dieselben Flüchtlinge, die am Tag gelbe Erbsen gefüttert bekamen, wurden in den tropischen Nächten mit Maschinengewehrsalven niedergeschossen, zehntausende Menschen waren plötzlich nicht mehr da. In den Morgenstunden filmte meine zitternde Kamera die zerstörten Lager und Körper. Eine derartige zynische und hässliche Realität zu kennen, ohne sie gesucht zu haben, war der erste Ansatz zu DARWIN'S NIGHTMARE, mein bisher größtes persönliches und filmisches Unterfangen. "Nur im Osten des Kongo wie am 11. September sterben täglich ebenso viele Menschen gewaltsam, in New York." Die "Wiege der Menschheit" ist bekannt für ihre weiten grünen Flächen, für ihre wilden Tieren und die schneebedeckten Vulkane im Hintergrund. Gleichzeitig ist diese Gegend das Herz der Finsternis unserer Zeit. Massive Epidemien, Hungersnöte und natürlich die niemals endenden Bürgerkriege passieren beinahe unbeachtet vom Rest der Welt. Diese bewaffneten Konflikte sind seit dem 2. Weltkrieg bei weitem die blutigsten in der Geschichte. Nur im Osten des Kongo sterben täglich ebenso viele Menschen gewaltsam, wie am 11. September in New York. Jeden Tag, das ganze Jahr, findet ein 11. September statt. Wenn nicht total ignoriert, werden die Konflikte oft als Stammeskriege qualifiziert, wie etwa in Ruanda, Burundi oder Sudan. Der wahre Hintergrund ist aber meistens der Einfluss von internationalen Interessen um Rohstoffe. Im Herz der Finsternis Um diesen Projekt zu realisieren bedurfte es einer minimalistischen Methode. Mein ständiger Begleiter Sandor, meine kleine Kamera und ich. Wir mussten nahe bei den Menschen sein und ihre Leben über sehr lange Zeitspannen hinweg verfolgen. Daraus resultierten intensive Beziehungen und Freundschaften, die immer halten werden. Die Figuren des Films sind auch Protagonisten in meinem Leben. Wenn man Kontraste und Widersprüche sucht, kann die Wirklichkeit eine Form annehmen, die man in Los Angeles "bigger than life" nennt. Ab einem gewissen Moment war es einfach, Bilder zu finden, die frappieren, denn ich fand und filmte eine widersprüchliche, frappierende Realität. Aber es war auch einfach, in Schwierigkeiten zu geraten, vor allem mit den "Autoritäten", wie Militär und Polizei. In Tansania konnten wir kaum einmal als normales Filmteam auftreten. Um mit den Frachtflugzeugen hin- und her zu fliegen, mussten wir uns mit weißen Hemden, gebügelten Hosen und gefälschten Papieren bewegen, als Piloten verkleidet gingen wir durch die Kontrollen. In den Dörfern sah man selten Weiße, und man hielt uns demnach für Missionare. In den Fischfabriken fürchtete man, wir seien Hygienekontrolleure der EU, und in den Bars der Hotels mussten wir australische Geschäftsmänner darstellen, denn Missionare sieht man dort ungern. Wir waren immer dort, wo man eigentlich nichts zu suchen hat: Im Tower des Flughafens, an welchem die Holzkisten mit den Waffen aus- und die Fische eingeladen werden, bei den Prostituierten, wo gewöhnlich Kunden nicht mit Kameras sitzen, an den Müllhalden der Fische, die außer den Geiern und den Maden kaum jemand gefunden hatte, und wo kein Westler je Zutritt hatte. Das Ergebnis waren unzählige Tage und Nächte an den Polizeistationen und in lokalen Gefängnissen. Stundenlange Verhöre von dicken, schwitzenden Offizieren. Checkpoints in der Nacht. Ein großer Teil des Filmbudgets brauchten wir, um uns die Freiheit immer wieder zurückzukaufen. Der Golfkrieg machte unsere Lage in diesem muslimischen Land auch nicht leichter. Noch weniger lustig wurde es, als Eliza, eine der Hauptfiguren im Film, plötzlich von einem ihrer männlichen Kunden erstochen wurde. Nachdem die Weißen bekanntlich alle Brüder vom gleichen Stamm sind, waren wir in den Augen vieler also die Brüder des Mörders... und man hat uns alsbald verdächtigt, "blue Movies" mit nackten Mädchen zu drehen. Eines Tages hielt man uns tatsächlich auf eine Insel gefangen, Pässe und Papiere konfisziert. Die nationalen Zeitungen schrieben "Western Journalists Kidnapped on Lake Viktoria". Es war eine Übertreibung der Presse. Aber wieder einmal saßen wir ohne arbeiten zu können auf unseren Kisten, umgeben von ein paar tausend Fischskeletten in der Tropensonne, und versuchten, das langsame Verrücktwerden hinauszuschieben. Die alte Frage, welches soziale oder politische System das beste ist, scheint eine Antwort gefunden zu haben: Der Kapitalismus hat gewonnen. Die ultimative Form von zukünftigen Gesellschaften sind "Consumer Democracies", welche auch "zivilisiert" und "gut" sind. In einem Darwinistischen Sinn hat das gute System gewonnen, und das ist auch "fair". Es hat gesiegt, indem es seine Feinde entweder bekehrt oder vernichtet. Mit DARWIN'S NIGHTMARE versuchte ich, die seltsame "success story" eines Fisches und den kurzfristigen Boom um dieses erfolgreiche Tier in eine ironische und beängstigende Allegorie zu verwandeln, welche die Neue Weltordnung reflektiert. Es ist zum Beispiel unglaublich aber wahr, dass, wo immer in einer relativ armen Gegend ein wertvoller Rohstoff entdeckt wird, die Menschen im Umfeld des neuen Reichtums elendig zugrunde gehen. Ihre Söhne werden zu Wächtern und Soldaten, ihre Töchter zu Dienerinnen und Huren. Es macht mich krank, diese sich wiederholende Geschichte immer wieder zu hören und zu sehen. "DARWIN'S NIGHTMARE könnte ich in Sierra Leone erzählen, nur wäre der Fisch ein Diamant, in Honduras eine Banane, und in Angola, Nigeria oder Irak, schwarzes Öl." Die meisten von uns kennen die destruktiven Mechanismen unserer Zeit, und doch können wir sie nicht richtig begreifen. Es ist sehr schwer, das, was man weiß, auch glauben und wahrlich verstehen zu können. (Die Transzendenz und die Poesie des Kinos ist teilweise imstande, zwischen dem Wissen und dem Begreifen eine Brücke zu schlagen.) Verwunderlich ist, dass die beteiligten Akteure eines mörderischen Systems keine hässlichen Gesichter haben, und meistens sogar keine schlechten Absichten. Die Beteiligten sind wir, ihr und ich. Einige von uns machen "nur ihren Job", und sie fliegen z.B. einen Jumbo von A nach B, der mit Napalm beladen ist. Einige wollen einfach von nichts etwas wissen, andere kämpfen um das nackte Überleben. In diesem Film versuchte ich die Personen so nahe und intim als möglich zu filmen. Sergey, Dimond, Raphael, Elize: wirkliche Menschen, die auf eine wundervolle Art die Komplexität eines Systems verkörpern, und, für mich, das wirkliche Rätsel in sich tragen.