Umleitung in die Normalität Ein bemerkenswerter deutscher Film: Christian Petzolds "Die innere Sicherheit" Im Nebel der Vergangenheit erscheint die deutsche Gegenwart voller verdächtiger Zeichen - vor allem für eine Familie auf der Flucht, die keine Gewohnheit kennt. "Die innere Sicherheit" erzählt im Kino nur indirekt über "'68 und die Folgen". Eine Empfehlung von Dominik Kamalzadeh. Wien - Die Tage sind gezählt, aber sicher waren sie nie. Ein Einbruch zwingt die Familie, Hans (Richy Müller), Clara (Barbara Auer) und Tochter Jeanne (Julia Hummer), aus dem Domizil an der Algarve zu flüchten. Es ist keine gewöhnliche Familie. Wenn sie fotografiert werden, werden sie nervös, wenn Fremde Fragen stellen, panisch. Sie leben im Untergrund, heißt es später einmal. Im Nebel der Vergangenheit erscheint die Gegenwart voller verdächtiger Zeichen: Zurück in Deutschland, wird der Vater an einer Straßenkreuzung, an der lauter schwarze Limousinen halten, einmal die Hände hochnehmen. Doch bei Grün fahren alle weiter. Christian Petzolds Film Die innere Sicherheit erzählt nur indirekt von "'68 und den Folgen", wie die Debatte rund um die "radikale" Vergangenheit des deutschen Außenministers Joschka Fischer in den Feuilletons gerne betitelt wird. Der Begriff RAF fällt kein einziges Mal. Petzold nähert sich dem historischen Thema von der anderen Seite, wenn er sich auf die Suche nach dem Gewöhnlichen einer Familie macht, die keine Gewohnheit kennt. Eine Anekdote um den 1993 bei einer Schießerei getöteten Wolfgang Grams, sagt Petzold, gab den Anlass: Dieser habe zu Hause Marmelade eingekocht und Liebeslieder gedichtet. Die Geschichte des linken Extremismus ist in Die innere Sicherheit so auch ein Gespenst, das man erst ausgraben muss. Unter Brücken buddelt Hans nach Depots, in denen Geldbündel versteckt sind, die nichts mehr wert sind. Die ehemaligen Mitstreiter haben entweder ein Auto geleast, oder sie sind romantische Alkoholiker, die Moby Dick zitieren. Jede Konfrontation mit ihnen endet mit einer Enttäuschung. Deutschland, durch das die Familie wie in einem Roadmovie ungehindert driftet, ist ein kaltes Land mit satten Wiesen, durch die Polizisten Flüchtlingen hinterherjagen. Im Mittelpunkt steht jedoch Jeanne, die Tochter, ihr gehört schon die lange erste Einstellung. Zur politischen Auffassung ihrer Eltern äußert sie sich niemals. Als sie einmal bei einer Schulvorführung Alain Resnais' Filmessay über die Konzentrationslager, Nuit et bruillard, sieht, schweigt sie - eine neue Generation stellt andere Fragen. Jeanne sehnt sich nach Normalität, also nach Jungs, Mode und CDs. In entscheidenden Momenten bleibt Petzold mit der Kamera an ihrer Seite, sodass der Zuschauer mit ihr nur die Folgen der Konflikte der Eltern mitbekommt, dafür aber ein Bild für ihre Sehnsucht erhält - eine Regie der Auslassungen zugunsten von Intensitäten. Vielfach sind es auch intime Szenen des Familienalltags, die dem Film in deren unangestrengter Präzision sein Fundament geben - Gespräche über das Jungsein, die ständige Angst, entdeckt zu werden, kleinere Auseinandersetzungen, die entstehen, weil Aufrichtigkeit hier zuallererst überlebenswichtig ist. Aber Jeanne geht ihre eigenen Wege, zu Heinrich etwa, "einem McJobber, der vom Surfen träumt". Mit ihrem Wunsch, ein bisschen mehr wie alle Teenager zu leben, schafft sie sich eine Parallelwelt, doch je wirklicher die eine wird, umso unwirklicher die andere. In Julia Hummer (Crazy) hat Petzold eine wunderbare Darstellerin gefunden, die diese Zerrissenheit als körperliche Haltung wiedergibt: immer auf der Lauer und am Sprung zugleich. Die innere Sicherheit - damit mag sowohl ein staatliches als auch ein ganz persönliches Konzept gemeint sein. Bei Petzold kommen sich beide jedenfalls in die Quere. Bei aller Sympathie für seine Figuren verfällt er keiner Nostalgie, er bleibt ihnen in der Gegenwart nahe, und die hat Geschichte. Wenige Filme, zumal deutsche, ganz zu schweigen von österreichischen, vermögen derart unaufgeregt, ohne ins Thesenhafte abzugleiten, von Befindlichkeiten zu berichten. Von politischen Subjekten, die in einem gesellschaftlichen Abseits stehen. Wenn die Freiheit Jeannes am Ende auch ein Verlust ist, sollte man das nicht falsch verstehen - eine Heimkehr wäre es ohnehin nie geworden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe,20. 4. 2001)