Politik der Körper: Spannung zur Halbzeit Ulrich Seidls "Hundstage" und Ken Loachs "The Navigators" Ulrich Seidl "Hundstage/Dog Days" Das Warten hat sich gelohnt. Zur Halbzeit erreicht der Wettbewerb der Filmfestspiele am Lido gleich mit zwei Filmen endlich ein spannendes Level. Einer davon ist Ulrich Seidls österreichischer Beitrag "Hundstage". von Isabella Reicher aus Venedig -------------------------------------------------------------------------------- Endlich ein Aufschwung: Der eine Film, dem der Wettbewerb in Venedig den seit Tagen ersehnten Aufschwung verdankt, kommt von Ken Loach und heißt The Navigators. Loach erweist sich damit einmal mehr als fulminanter Inszenierer von Kollektiven und beschreibt - ganz undidaktisch, präzise - die (negativen) Auswirkungen der Privatisierung von British Rail auf Bahnarbeiter, Arbeitsbedingungen und Sozialstrukturen. Der andere ist Ulrich Seidls Hundstage - und ebenfalls sehr konkret mit gegenwärtigen Lebensbedingungen befasst. Allerdings stehen hier keine Arbeitszusammenhänge und keine darüber definierten, sozialen Verbände im Vordergrund. Sondern, verkörpert von einem durchweg großartigen Ensemble aus professionellen und nicht professionellen Darstellern, rund ein Dutzend Individuen. Manche teilen eine Geschichte, andere bleiben Passanten. Ort: Vorstadt-Wohnblöcke - Hanlungsspielraum: vom Wetter vorgegeben Der Film spielt an einem Wochenende in drückender, hochsommerlicher Hitze in vorstädtischen Wohnblöcken, Reihenhaussiedlungen und properen, frei stehenden Eigenheimen - bewegt sich zwischen jenen Großeinkaufscenter-Konglomeraten, die inzwischen jede größere Ausfallstraße säumen. Die Umgebung, das Wetter geben den Handlungsspielraum vor: Die einen braten in der Sonne, die anderen machen die Schoten dicht und ziehen sich in abgedunkelte Innenräume zurück, um dort alltäglichen Verrichtungen nachzugehen, Sex zu haben oder die Zeit totzuschlagen. Allmählich werden in den scheinbar beiläufigen Szenen wiederkehrende Motive sichtbar: Die Rollenspiele etwa - die von der eher gewohnheitsmäßigen Erfüllung sozialer Verhaltensweisen bis zu dezidiert einstudierten (Erniedrigungs-)Szenarien reichen - sowie ihre manchmal spielerische, mitunter höchst gewalttätige Brechung. Flucht in Gesang Oder die sie begleitenden Sprechweisen, die in der manischen Rede einer Autostopperin (Maria Hofstätter), die das Ranking der zehn beliebtesten Supermärkte ebenso sicher beherrscht wie sie die zehn häufigsten Krankheiten aufsagen kann, nur ihre zugespitzte Form erfahren. Die Ausdrucksformen sind begrenzt. Das Moment der insistierenden Wiederholung immer gleicher Phrasen wird als prägendes Muster ins Leere gehender Kommunikationsversuche gezeigt. Und wenn das Sprechen endgültig an seine Grenzen stößt, dann flüchtet man sich in Gesang. Dass Seidl einen relativ schonungslosen Film gedreht hat, wird im Kontext seiner bisherigen Arbeiten kaum überraschen. Einzelne Sequenzen in Hundstage sind nur schwer auszuhalten und werfen durchaus auch Fragen nach Grenzen - oder zumindest Formen - filmischer Darstellbarkeit von tabuisierten Erfahrungsbereichen auf. In der Wohnung einer Frau (Christine Jirku), deren masochistische Abhängigkeitsbeziehung zu einem gewalttätigen Macho sich gefährlich nahe an der Selbstzerstörung bewegt, beispielsweise kommt es zu zwei quälend langen, brutalen Auseinandersetzungen. Seidl stellt sich auf die Seite seiner Figuren Hundstage ist ein körperlicher Film, nicht nur, weil er Körper so sehr ins Zentrum rückt, sondern auch, weil er dem Zuschauer über die spürbare, bewegte Präsenz der Kamera quasi doppelt physisch nahe rückt. Andere Filme fallen einem dazu ein, Bruno Dumonts La vie de Jésus etwa. Auch der Vergleich mit Larry Clarks Bully liegt nahe. Dabei zeigt sich erneut die Schwäche von Clark, der sichere Distanz zu seinen Figuren hält, während Seidl sich auf ihre Seite stellt und Bilder für sie findet, die neben mancher Entblößung auch eine tiefe Traurigkeit und Schönheit vermitteln. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.9. 2001) ----------------------------------------------------------------- KOPF DES TAGES Ulrich Seidl, ungerührter Beobachter des Intimen Der Regisseur von "Hundstage" sorgt für Aufsehen beim Filmfestival in Venedig Ulrich Seidl Von Dominik Kamalzadeh Der schwindelerregende Blick auf den abgründigen Alltag der Österreicher ist in seinen Filmen an eine strenge Geometrie gebunden. Die Bildausschnitte gleichen rigide komponierten Tableaus, unbewegten Ansichten von Menschen und ihrer unmittelbaren Umgebung, und nicht selten wirken diese darin wie Tiere in der Manege, nur dass ihnen der Eindringling mit der Kamera irritierend "teilnahmslos" begegnet. Keine Frage, der österreichische Regisseur Ulrich Seidl polarisiert - im Ausland wie in seiner Heimat. Noch fast jeder seiner Filme seit Good News - Von Kolporteuren, toten Hunden und anderen Wienern (1990), in dem er, ausländischen Zeitungsverkäufern bei ihrer Arbeit folgend, eigentlich deren Kunden ins Visier nahm, sorgte für Kontroversen. Die Rezeption von Tierische Liebe (1995), seinem wohl umstrittensten Versuch, eine "falsche" Intimität anhand der Zudringlichkeiten zu Vierbeinern auszuloten, ist beispielhaft. Wo die einen in Seidl einen Filmemacher vermuten, der seine Figuren zynisch dem Gelächter preisgibt, loben die anderen einen klinischen Blick auf subjektive Automatismen, die sich auf der Oberfläche, am Körper abzeichnen. Er selbst begründete seine Motive einmal in diesem Sinn: "Ich filme aus Schmerz. Weil mir etwas wehtut." An der geteilten Einschätzung wird sich wohl auch mit Hundstage, Seidls diesjährigem Wettbewerbsbeitrag bei den Filmfestspielen in Venedig, nichts ändern, obwohl es sich um seinen ersten deklarierten Spielfilm handelt. Die Unterscheidung von dokumentarischen und fiktiven Elementen war freilich bereits in Models (1999) schwierig - wobei es darin zu einer Aufweichung der starren Inszenierungsweise kam. Erstmals war hier seine Empathie für die Figuren spürbar. 1952 im niederösterreichischen Horn geboren, verschafften Seidl seine ersten Begegnungen mit dem Kino Schuldgefühle: Heimlich stahl er sich "in Uschi-Glas-Filme und Western" - war ihm von Elternseite doch das Priesteramt zugedacht. Vielleicht rührt sein Talent, Menschen zu Bekenntnissen zu bewegen, immer noch von da her. Als Nachtwächter und Versuchskaninchen für Medikamente finanzierte er sich schließlich in Wien sein Studium der Publizistik und Theaterwissenschaft. Erst spät, im Alter von 26 Jahren, besuchte Seidl die Filmakademie, wo er mit dem Frühwerk Der Ball (1982) schon bald Aufsehen erregte - und die Ausbildung "in der Verhinderungsanstalt" vorzeitig wieder abbrach. Neben Hundstage hat Seidl heuer übrigens noch einen Teil eines Episodenfilms zur politischen Wende in Österreich - Titel: Kein schöner Land - abgedreht. Man darf gespannt sein, in welchen Abgrund er dabei starrt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.9. 2001) -------------------------------------------------------------------------- Kommentar: "Hundstage" Claus Philipp über Ulrich Seidls Film Die gute Nachricht - sie ist schon bekannt: Ulrich Seidls Film Hundstage sorgt in Venedig für Furor und macht Furore. Erneut steht nach dem Erfolg von Michael Hanekes Klavierspielerin in Cannes ein heimischer Spielfilm im Mittelpunkt internationaler Kinodebatten. Die schlechte Nachricht - sie wird darüber fast verdrängt: Erneut darf bezweifelt werden, dass sich VP-Kunststaatssekretär Franz Morak über so viel Aufmerksamkeit für österreichisches Kino wirklich freut. Seidl macht - wie Haneke - wenig Hehl aus seiner Unzufriedenheit mit Schwarz-Blau. Und Hundstage ist ein Phänomen, das, wenn man Moraks bisherige Filmverunmöglichungspolitik bedenkt, eigentlich gar nicht mehr existieren dürfte. Die Kürzung der Filmfördermittel, deretwegen Österreich weiterhin Letzter unter den europäischen Medienstandorten bleiben wird, ist ja ein trauriges Beispiel dafür, wie man mit Nulldefizit-Haltung Totaldefizite hervorrufen kann. Dass die heimischen Filmschaffenden weiter auf diesen Mangel an Perspektive hinweisen müssen, ist klar. Sie sollten darüber aber nicht den Fehler machen, in Zeiten schwarz-blauer Schulterschlüsse ihrerseits fragwürdige Solidarität einzufordern. Michael Haneke etwa ist anscheinend nicht auszureden, dass Kritik am Austro-Kino derzeit besonders schädlich und daher zu unterlassen sei. Mit einer vitalen demokratischen und ästhetischen Einstellung ist eine solche Aufforderung zur Rückendeckung schwer vereinbar. Verstehbar ist sie bestenfalls als Verzweiflungsakt in einer unzumutbaren Arbeitssituation, an der die Regierung scheinbar nichts ändern kann und will. Und sie passt natürlich bestens zu einer hierzulande gern zelebrierten Taktik: jetzt zusammenhalten - und durch! Irgendwann müssen die Hundstage ja ein Ende haben, oder? (DER STANDARD, Printausgabe vom 5.6.2001) ----------------------------------------------------------------- "Ein authentischer Höllenkreis" Internationale Reaktionen auf Ulrich Seidls "Hundstage" in Venedig In einem bis dato insgesamt eher flauen Wettbewerb wird der österreichische Beitrag zu den 58. Filmfestspielen am Lido durchaus zu den preiswürdigeren gezählt. Auch der Grundtenor der internationalen Kritik ist trotz aller gemischter Gefühle, die Ulrich Seidls semidokumentarischer Spielfilm Hundstage evoziert, überwiegend positiv. Der Mailänder Corriere della Sera etwa befindet: "Seidl porträtiert schäbige Stadtvororte von Spießbürgern, die Jörg Haider gewählt haben. Er bestreitet aber, dass sein Film politischen Inhalt hat, obwohl einer seiner Hauptdarsteller gezwungen wird, die Nationalhymne zu singen, während er mit einer brennenden Kerze gequält wird. Der Film ist zutiefst beeindruckend. Wer ihn gesehen hat, vergisst ihn nicht mehr, unabhängig davon, ob man ihn liebt oder hasst." Für La Repubblica (Rom) wiederum ist Seidls Film "eine Ansammlung von Einsamkeit und Verzweiflung, die weder mit den Hauptpersonen noch mit den Zuschauern Barmherzigkeit zeigt. (. . .) Noch negativer als sein Landsmann Haneke inszeniert Seidl ein Fragment der österreichischen Gesellschaft, die wie ein authentischer Höllenkreis präsentiert wird." La Stampa (Turin): "Die Traurigkeit ist das Grundgefühl dieses originellen und gut gedrehten Films, der als skandalös vorgestellt wird, eigentlich aber trostlos ist." Von einem "aufgelegten ,Skandalfilm'" berichtet auch die Neue Zürcher Zeitung: "Man ekelt sich vor der eiskalten Häme, die der Österreicher über seine Landsleute ausschüttet, bis zum Brechreiz, aber als Pornographie wird man es nicht missverstehen können. (. . .) Deix, Jelinek und Bernhard lassen grüßen." Für die Süddeutsche Zeitung wird Seidls "vermeintlicher Wille zu dokumentierender Wahrhaftigkeit zum selbstgefällig zelebrierten Sadismus. Seidl ist sezierender Beobachter und Zeremonienmeister dieser Exzesse - ihm fehlt die Anteilnahme, die Pasolinis ,Meinen Körper in den Kampf werfen!' ausdrückt." Aber: "Die provokative Kraft ist beträchtlich." (apa/red) Zum --> Kommentar von Claus Philipp. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5. September 2001) ----------------------------------------------------- Spiegel S K A N D A L I N V E N E D I G "Orgien und Abscheu" Der eine zu harmlos, der andere zu heftig: Während Werner Herzogs neuer Film "Invincible" bei den Kritikern als "zu brav" durchfiel, verstörte der österreichische Beitrag "Hundstage" die Festivalgäste in Venedig. AP Fiel bei den Biennale-Kritikern durch: Regisseur Werner Herzog Er war mit Spannung erwartet worden, der neue Film von Werner Herzog. Der eigenwillige deutsche Regisseur hatte seit seinen internationalen Erfolgen wie "Nosferatu" oder "Fitzcarraldo" - beide mit Klaus Kinski in der Hauptrolle - in den letzten Jahren hauptsächlich Dokumentarfilme und Opern inszeniert. Umso enttäuschter reagierten die Kritiker bei der Vorführung seines Spielfilms "Invincible" (Unbesiegbar) auf der Biennale. Es gab nur verhaltenen Beifall, dafür aber einige kräftige Buh-Rufe. Der Film leidet nach Meinung von Kritikern an dramaturgischen Schwächen, ist zu brav erzählt und bewegt sich sogar am Rande des Kitsch. Dabei beruht "Invincible" auf einer wahren Geschichte. Im Mittelpunkt steht der jüdische Schmied Zishe Breitbart, der im Berlin der dreißiger Jahre als "stärkster Mann seiner Zeit" bei einem Varieté auftritt. Varietéchef Hanussen, verkörpert von Hollywood-Star Tim Roth, gibt den "Unbesiegbaren" als Arier aus, um Probleme mit den Nazis zu vermeiden. Doch Breitbart will das Versteckspiel nicht länger mitmachen, outet sich als Jude und löst damit eine Katastrophe aus. "Invincible" war als einziger deutscher Beitrag in der Sparte "Gegenwartskino" gestartet. Dem Sieger winkt ein neu eingeführte Preis, der "Löwe des Jahres". Er ist mit 100.000 Mark dotiert. Im Rennen um den Hauptpreis, den "Goldenen Löwen", hat der österreichische Wettbewerbsbeitrag "Hundstage" für große Aufregung gesorgt. "Orgien und Abscheu" titelte eine italienische Zeitung am Montag über die schonungslose Milieustudie des Wiener Regisseurs Ulrich Seidl. Der Film, der fast nur mit Laienspielern besetzt ist, erzählt vom Ausbruch der Aggressionen an den heißesten Tagen im Jahr, den so genannten Hundstagen. Aufsehen erregte vor allem die Strip-Szene einer vollschlanken 60-Jährigen, der "ältesten Striptease-Tänzerin der Geschichte", wie eine italienische Zeitung feststellte. Der Regisseur selbst sagte nach der Aufführung über seinen Film: "Das ist kein Gruselkabinett. Alles ganz normales Menschen, ein Spiegel unserer Gesellschaft." Die Kritiker waren offensichtlich der gleichen Meinung und bedachten "Hundstage" mit wohlwollendem Beifall. -------------------------------------------------------- lidokino Unwirkliches Geschichtskino bei Amos Gitai und Werner Herzog Unter der Käseglocke der Correctness Zugegeben, tagespolitische Ereignisse, Nachrichten und ähnliche Botschaften aus der anderen Wirklichkeit dringen nur als ferner Nachhall durch den Festivalfilter. Umso erstaunter ist man, wenn sich unter der Käseglocke aus Zelluloid plötzlich Universen auftun, die noch weltfremder sind, als man sich selbst schon fühlt. Zum Beispiel wenn ein israelischer Film, der in einem fernen hinteren Winkel seines Drehbuchgewissens vermutlich etwas mit dem zu tun haben wollte, was sich gerade im Nahen Osten abspielt, historisierenden Eskapismus betreibt. In "Eden" von Amos Gitai geht es um vier arg prototypische Menschen, deren Wege sich während des Zweiten Weltkrieges in Jerusalem kreuzen: eine jüdische Fanatikerin, die Brandsätze gegen die englischen Besatzer wirft; ein träumerischer Intellektueller, der ein geradezu lyrisches Verständnis für die Sache der Palästinenser hat, und ein idealistischer junger Architekt, der sich so leidenschaftlich für die Zukunft Israels ins Zeug legt, dass er die hin und wieder noch leidenschaftlicher gespreizten Beine seiner jungen Frau nicht mehr wahrnimmt. In langen Einstellungen entsteht ein bemühtes Kammerspiel, das allen Seiten gerecht wird. "Eden" sagt nichts über die israelische Gegenwart, dafür einiges über die Haltung von Amos Gitai aus, der seit Jahren selbstgefällig jüdische Themen, Mythen und Geschichte auschlachtet, ohne sich dabei je über eine folgenlos konsensfähige Political Correctness hinauszuwagen. Interessanterweise hat Gitai ausgerechnet im einzigen deutschen Festivalbeitrag seinen geistigen Verwandten gefunden - wobei Werner Herzogs Film "Invincible" um einiges tragischer gescheitert ist, schon allein weil er unfassbar weit hinter den Möglichkeiten seines Regisseurs zurückbleibt. Wenn man an die wilden Zeiten des Neuen Deutschen Films denkt, an "Fitzcarraldo", "Aguirre" oder an das großartig durchgeknallte Kinski-Gerangel, dann kann man sich bei Herzogs neuem Film eigentlich nur noch einreden, dass ihn das Thema weniger interessiert hat als die Möglichkeit, nach Jahren wieder einmal einen Film zu drehen. Auch "Invincible" spielt in den 30er-Jahren und stellt zwei Juden und ihren unterschiedlichen Umgang mit der eigenen Religion in biederer Fernsehästhetik gegeneinander. Im Mittelpunkt steht ein sanfter Muskelmann namens Zishe Breitbart, der seinerzeit als stärkster Mensch der Welt galt. Based on a true story verschlägt es Breitbart in einer umständlich erzählten Geschichte von seinem ostpolnischen Dorf ins bereits naziverseuchte Berlin. Hier macht er im Varieté zunächst als teutonischer Supermann Karriere, besinnt sich jedoch seiner jüdischen Identität und versucht als Samson eine Revolte gegen Hitler anzuzetteln. Als Breitbarts Antipoden baut Herzog den Wahrsager Hanussen auf, einen opportunistischen Hitler-Verehrer, der offen Antisemitismus predigt und dann doch als Jude "enttarnt" wird. Bestenfalls naives Lehrstück, wirkt "Invincible" wie die Quersumme aller deutschen Nazi-Kostümfilme der letzten Jahre. Hinzu kommt das fürchterliche Koproduktionsenglisch, mit dem sich die weißbärtigen Einwohner eines osteuropäischen Shtetls genauso glatt verständigen wie Heinrich Himmler beim Plaudern mit Joseph Goebbels. Nur Udo Kier, die alte Knallcharge, kommt auf seine Kosten. In der Rolle des Berliner Polizeipräsidenten entwickelt er eine perverse Öligkeit, die in Herzogs Sozialkundeambiente plötzlich wunderbar authentisch wirkt. KATJA NICODEMUS taz Nr. 6541 vom 5.9.2001, Seite 15, 119 Kommentar, KATJA NICODEMUS, Rezension -------------------------------------------------------- http://www.diepresse.at/presse.taf?channel=kultur&read=spec&which=M08&detail=767256&tmp=33068&be=M08 PRESSE Die Einstellung als Entstellung: Wiener Präzision beim Filmfest Venedig Ulrich Seidls "Hundstage" überrascht im Wettbewerb des 58. Filmfestivals in Venedig mit präzise inszeniertem Wiener Naturalismus. Und ein texanischer Trickfilmtraum überschreitet mutig die traditionellen Grenzen des unabhängigen US-Kinos. VON STEFAN GRISSEMANN 4.9. -------------------------------------------------------------------------------- Wer von der "Wirklichkeit" im Kino spricht, bewegt sich auf kaum gesichertem Terrain. Der Begriff des Realismus erhöht die Streitkultur in Filmfragen seit Jahrzehnten. Was ist schon wahr im Kino, was ist wirklich? Wo endet die Inszenierung, das Gemachte im Akt der "Verfilmung" des Gefundenen? Was soll das sein: Dokumentarismus? Will man dem Werk des Österreichers Ulrich Seidl auch gerecht werden, kommt man an solchen Fragen nicht vorbei. Seidls jüngster Film, Hundstage, hat sich - nicht zuletzt dieser Implikationen wegen - einen Platz im Wettbewerb des renommierten Filmfests am Lido gesichert, und man muß sagen: Er gehört dorthin. Hundstage erzählt von Dingen, die bei Seidl nichts ganz Neues sind: vom parzellierten Leben in der Reihenhaussiedlung, von vorstädtischen Konsumhöllen, von Swinger-Clubs, nackten Betonparkplätzen und Diskotheken-Toiletten. Neu ist die Subtilität, mit der Seidl die Traurigkeit hinter der Farce des Alltäglichen freilegt. Aus den sorgsam arrangierten Bildern entsteht, quälend langsam, eine Geschichte der Männergewalt, der unstillbaren Aggression: ein Trauerspiel der Triebabfuhr, eine Komödie der Verzweiflung. Reiz der Ekelerregung Wie der Chinese Fruit Chan, dessen Hollywood, Hongkong sich hier (auf niedrigerem Niveau) an Fettsucht, Prostitution und tranchierten Schweinen erfreut, liebt auch Seidl die Entstellung, das Niemandsland zwischen Schock und Pointe, den schlechten Geschmack als ästhetische Gutschrift, als letztes Reizmittel in einer verödenden Filmlandschaft. Allerdings geht er über die schlichte Freude an der schnellen Ekelerregung weit hinaus: Die Umwege, die er nimmt, um zum "Wirklichen" zu gelangen, sind labyrinthisch, sein Aufwand, um seine Erzählungen "dokumentarisch" zu tönen, ist gewaltig. 80 Stunden Film hat Seidl belichtet, um daraus die zweistündige Endfassung zu destillieren, und offensichtlich hat er in diesem Prozeß an darstellerischer, sprachlicher und formaler Präzision gewonnen: Die Schauspieler und die Selbstdarsteller sind voneinander kaum noch zu unterscheiden, und ihrer Präsenz ist die soziale Plastizität, von der der Film lebt, in hohem Maß mit zu verdanken. Hundstage teilt, wie gewünscht, seine Zuschauer in Interessenten und Totalverweigerer, in Freunde filmischer Herausforderungen und Hasser aus Prinzip. Die Wahl des Blickwinkels ist dabei völlig offen: Die heftige Satire dieses Films ist jederzeit auch als tödlicher Ernst wahrzunehmen. Realismus ist ein Wort, dem viele Bilder passen: Am entgegengesetzten Ende des Spektrums, diesseits von Seidl, ist der Brite Ken Loach anzutreffen, der in The Navigators den Gewaltakt der Re-Inszenierung von "Wirklichkeit" nicht mehr zu benötigen scheint. Bei ihm sind die Dinge und die Menschen, was sie sind, ganz ohne Umweg über die Ästhetisierung: eine Illusion des Naturalistischen, die Loach aus untrüglichem Sinn für Besetzung und der Schärfe seines Dialogs gewinnt. Dieses Eisenbahnarbeiter-Drama markiert, nach etlichen mittelmäßigen Arbeiten, seine Rückkehr zur Kompromißlosigkeit des proletarischen Kinos Großbritanniens. Die Geschichte des stufenlos gesteigerten Drucks auf eine Gruppe von Arbeitern in Zeiten der Neoliberalismus kommt (fast) ohne Dekorationsmaterial aus: eine Erzählung vom Zusammenhang von Geld und Unmenschlichkeit. Wendig: Richard Linklater Gleich zwei abendfüllende Arbeiten hat der Texaner Richard Linklater nach Venedig gebracht - zwei der gedanklich und formal wendigsten dieses Festivals: das dichte Kammerspiel Tape, ein Drama um Schuld und verdrängten Haß - Kino für ein Motelzimmer und drei exzellente Darsteller (Ethan Hawke, Robert Sean Leonard, Uma Thurman) -, sowie, im Wettbewerb, Waking Life, ein episodisch strukturiertes Road-movie, das als psychedelischer Trickfilm eine unerwartete zweite Identität annimmt. Ein junger Mann (Wiley Wiggins) treibt in Waking Life durch Straßen und Bars, ohne festes Ziel, durch einen Traum, der dem Leben ähnlich sieht, aber keine fixen Größen kennt, nichts, auf das man sich noch verlassen könnte. Die Imagination übernimmt die Kontrolle. Über Jim Jarmusch hinaus Der Held trifft eine Reihe seltsamer Gestalten: überdrehte Wissenschaftler, abgeklärte Philosophen, sinnierende Hippies, doppeldeutig plaudernde Vagabunden. Seine Zufallsbekanntschaften bringen ihm Alltagsweisheiten und New-Age-Geplauder nahe, Physik und Metaphysik, Film- und Verschwörungstheorien, Bürgerrechts-Rhetorik und alte anti-konsumistische Thesen (passend zur Retrospektive der Filme des Situationisten Guy Debord). Linklater hat seinen Film mit der digitalen Kamera gedreht und vom Animationsspezialisten Bob Sabiston nachbearbeiten lassen: Der illusionäre Realismus der photographischen Arbeit wird in der Übermalung offen künstlich, wächst in freier Assoziation von einem Stil zum nächsten, vom Comic-Strip zur Drogenvision, von der Kinderzeichnung zur realistischen Malerei. Waking Life hebt, indem er seine Zuschauer nicht ruhigstellt, sondern ästhetisch herausfordert, die heruntergewirtschaftete Kategorie des US-Independentfilms eine Stufe weiter: weg vom Standardformat der pseudo-smarten Post-Jarmusch-Gesellschafts- und Beziehungsstudie hin zu ganz eigenen Erzählweisen und gesteigertem Reflexionsvermögen. Man träumt wachen Auges in Waking Life, ohne das Denken dabei zu suspendieren: eine Liebeserklärung an das Überangebot der Traumzustände, die das Kino hervorrufen kann, ein einsames High der Intelligenz in Amerikas unabhängigem Film. -------------------------------------------------------- http://www.diepresse.at/presse.taf?channel=kultur&read=spec&which=M08&detail=766777&tmp=23887&be=M08 PRESSE 1.9. Es spritzt, es tropft: Das Blut auf Venedigs Leinwänden Das 58. Filmfestival von Venedig brachte in seiner Anfangsphase viel Gewalt am Lido - in den neuen Filmen von Larry Clark, Milcho Manchevski, Kim Ki-duk. VON STEFAN GRISSEMANN -------------------------------------------------------------------------------- Einen tauglicheren roten Faden als das Blut hat das Kino noch nicht gefunden. Sein Anblick allein: in feinen Linien verrinnend oder eruptiv verspritzt, als Action-Painting getropft und geschleudert oder zu ruhigen spiegelnden Oberflächen arrangiert, die das gewaltsame Verlöschen eines Lebens signalisieren und, wenn man will, den Übergang vom Krieg zum Frieden - auf solche Bilder kann man sich seit je verlassen, sie beunruhigen ohne großen Aufwand, ihr Grundwert ist stabil, ihre Attraktion universell. Die Angstlust ist ein primärer Trieb des Kinogängers, seine Bereitschaft zur Konfrontation mit der inszenierten Gewalt, aus sicherer Distanz, ist unverändert hoch. In Venedig demonstriert man derzeit solches Wissen und eine starke Neigung zum Brachialen, leider bisweilen um den Preis des filmischen Substanzverlusts: Die ersten Spieltage des ältesten Filmfestivals der Welt - seit 1932 veranstaltet man hier die Mostra internazionale d'arte cinematografica - sind von Gewaltgeschichten geprägt, deren Erzählern über der Liebe zum Zynismus das Reflexionsvermögen abhanden gekommen ist. Der Eröffnungsfilm gab den Ton vor: Milcho Manchevskis Dust, der Versuch einer Groteske über den Krieg, ist von Kompromissen - die alte Krankheit des Festivaleröffnungsfilms - bis an den Rand der Selbstauslöschung zerfressen: ein Jugo-Western, der seinen Stoff so weit verkünstelt und veralbert, daß sowohl die Kunst als auch der Spaß dabei verloren gehen; ein mazedonischer Comic-Strip, der Krieg mit "humoristischer" Hysterie verwechselt; beladen mit der Anmaßung, im Vorbeigehen noch über den Balkankrieg zu sprechen, dabei zerrissen von seiner Monotonie, seinem Plagiarismus (von Greed bis Eastwood) und seinen Pappendeckelfiguren (Joseph Fiennes, David Wenham, Adrian Lester). Bloß sich selbst plagiiert dagegen der Amerikaner Larry Clark, Regisseur von Kids und Another Day in Paradise: Bully, seine jüngste Gewaltstudie unter Teenagern, hängt sich - anhand der Story eines Mordes aus purer Abenteuerlust - ein moralisches Anstandskleid um, leidet aber unter schmerzhaften psychologischen Verkürzungen und akutem Desinteresse an allem, was über die Körper seiner halbwüchsigen Helden und den photographischen Wert ihrer Lebensgewohnheiten hinausginge. Clarks voyeuristischer Blick unterminiert das Unternehmen, vom Entstehen faschistischer Gruppendynamiken zu berichten, buchstäblich augenblicklich. In Address Unknown, einem Film aus Korea, der wie Bully im Hauptbewerb läuft, werden weniger Menschen umgebracht als - Hunde. Kein Tier sei während der Dreharbeiten zu Schaden gekommen, versichert Regisseur Kim Ki-duk zu Beginn, zur Beruhigung, um die sensitivsten unter den Zuschauern nicht gleich wieder aus dem Kino zu treiben. Dann sieht man, wie streunende Hunde erhängt und erschlagen werden, als kleine (inszenierte) Stichelei, um das Interesse an einer im übrigen leider sinnarm und kraftlos realisierten Tragikomödie vom desolaten Zustand Koreas und seiner depressiv-hysterischen Bewohner wachzuhalten, die über der Amerikanisierung ihrer Gesellschaft allesamt den Verstand zu verlieren scheinen. Im verzweifelten Versuch, mehr Filmen höhere Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, hat Festivaldirektor Alberto Barbera heuer kurzerhand von einem auf zwei Wettbewerbe erhöht: Nicht nur vergibt eine Jury den traditionellen Goldenen Löwen, nun gibt es auch einen zweiten, kleineren Bewerb, die Sektion "cinema del presente", die weiteren 20 Filmen die Aussicht auf einen hohen Geldpreis eröffnet. Barberas Strategie darf angezweifelt werden: Das vergrößerte Verwechslungs- und Mißverständnis-Potential dürfte Hand in Hand mit einer in der Programmausweitung konsequent gesenkten Qualität gehen. Weiter Blick am Rande Fast scheint es, als müßten die Bilder, um etwas auszulösen, das über den schlichten Kitzel der Gewaltanwendung hinausgeht, schlicht ein paar Jahrzehnte alt sein: Wer in die Randprogramme flüchtet, zur Avantgarde und zu den Retrospektiven, wird mit Kino entlohnt, das den beschränkten Blick des Gegenwartskinos weitet, das dem simplen Pessimismus des neuen sozialkritischen Autorenfilms den Mehrwert des Analytischen verpaßt. Die Filme des 1961 erst 40jährig gestorbenen Polen Andrzej Munk etwa zeigen - vom dichten Eisenbahnerdrama Czlowiek na torze (1957) bis zum posthum veröffentlichten Auschwitz-Alptraum Pasazerka (1963) - ein Kino, dessen politische Entschiedenheit und hochökonomische, oft hyperrealistische Filmsprache einen Modernismus favorisiert, mit dem das hysterisierte, gewalttätige Spaßkunstkino des Jahres 2001 ganz offenbar nicht mithalten kann. Ein roter Faden allein genügt dem Kino als Faszinosum nicht. Das Gebiet, durch das er führt, ist wesentlicher als die Richtung, die er vorgibt -------------------------------------------------------- Endlich auch Applaus: Und zwar für Mira Nairs "Monsoon Wedding" "Ein wirklich indischer Film" Venedig - Für Seifenopern Made in India haben europäische und amerikanische Kritiker meist nur ein leises Lächeln übrig: Jede Menge schwülstige Musik, vollschlanke Tänzerinnen und Liebhaber mit reichlich Gel in den Haaren. Davon hat auch der neue Film der indischen Erfolgsregisseurin Mira Nair ("Salaam Bombay") einiges zu bieten. Doch wie die 43-Jährige es versteht, mit den Stilmitteln von "Bollywood" umzugehen, hat beim Filmfestival in Venedig aufhorchen lassen. "Monsoon Wedding" heißt ihr ironisch-spielerischer Film - immerhin der erste von 20 Wettbewerbs-Beiträgen um den "Goldenen Löwen", der nach der Aufführung am Lido Beifall bekam. "Eine Hochzeit, die schnell zur Zirkusvorstellung gerät" "Das ist sinnlicher Film über eine Hochzeit einer Familie aus Punjab, ganz wie meine eigene Familie", bekennt Mira Nair. Aus der halben Welt lässt der "globalisierte" Punjab-Clan der gehobenen Einkommensklasse die Familienmitglieder einfliegen. Und während die Eltern der Braut zumindest auf eine teilweise traditionelle Hochzeit samt Ehrerbietung für die Ahnen bestehen, gerät so manches aus den Fugen - doch alles erzählt mit Humor, wilder Musik und einer Ironie, wie es bisher am Lido nicht allzu oft geboten wird. "Eine Hochzeit, die schnell zur Zirkusvorstellung gerät", meint denn die Regisseurin. Vier Tage der Hochzeitsvorbereitungen werden erzählt, mehrere Handlungsstränge miteinander verwoben: Da ist die junge Braut, bei der es noch kurz vor der Hochzeit mit einem anderen Boyfriend im Auto zur Sache geht; da ist der Familienvater, der unter den Ausgaben für die Festivitäten ins Schwitzen gerät; da ist ein verzogenes Söhnchen, das sich statt für Cricket für Kochkurse und Tanzen interessiert. Und da ist ein smarter Onkel, der sich nebenbei an kleinen Mädchen vergreift - erstmals, so heißt es, widme sich ein indischer Film dem Thema sexueller Kindesmissbrauch. "Ein wirklich indischer Film" "Der Film scheint ganz anders als alles, was ich bisher gemacht habe", meint die Regisseurin. "'Monsoon Wedding' ist ein wirklich indischer Film." Während Mira Nair in "Salaam Bombay" (1988) noch beinahe dokumentarisch das Leben indischer Straßenkinder und Prostituierter beschreibt und in "Mississippi Masala" (1991) eine Story um die Vertreibung der Inder aus dem Uganda des Diktators Idi Amin vorlegte, greift sie diesmal ohne Berührungsängste zu den Stilmitteln der schwülstigen Seifenopern-Lovestories aus Bombay. Kritiker mögen einwenden, die Problematik des Kastenwesens und der arrangierten Hochzeiten gehe in dem bunten Wirbel eher unter, der Zusammenprall von Tradition und Moderne würde eher geschönt als problematisiert. Doch mit den wilden Tanzszenen unter dem Monsunregen, mit denen die Hochzeit endet, hat Mira Nair gezeigt, dass sie für echte Überraschungen gut ist. Derzeit arbeitet sie bereits an einem neuen Projekt: "Hysterical Blindness" mit Uma Thurman. (APA/dpa) ----------------------------------------------------------- Hundeschlachtungen schlugen auf den Publikumsmagen Und auch Larry Clarks neuer Film sorgt für Diskussionen Venedig - Der erste Wettbewerbs-Film, "Soochwieen Boolmyung" ("Adresse Unbekannt") von Kim Ki Duk, schockte das Publikum mit Hundeschlachtungen. In "Adresse Unbekannt" zeigt der südkoreanische Regisseur, der schon im vergangenen Jahr mit einem Werk über sadomasochistische Praktiken einige Zuschauer in Ohnmacht sinken ließ, amerikanische Truppen in Korea und ihren Einfluss auf die Kultur des Gastlandes. Eine der Hauptfiguren ist ein Fleischhauer, der sich auf die Schlachtung von Hunden spezialisiert hat. Ein Kritiker erklärte, es sei noch zu verstehen, dass für die Geschichte gezeigt werden müsse, wie ein Hund aufgehängt und geschlachtet werde. Wieso allerdings acht Hunde im Todeskampf zu sehen seien, werde nicht klar. Beide Regisseure, Kim und Manchevski, verteidigten die Darstellungen von Gewalt in ihren Filmen als berechtigte Reflexionen der Geschichten und Kulturen, die sie darstellen. Un-p.c. Zwei weitere Wettbewerbs-Filme, "Y Tu Mama Tambien" ("Und auch Deine Mutter") des Mexikaners Alfonso Cuaron und "Bully" des amerikanischen Regisseurs Larry Clark, sorgten auch durch längere Sex-Szenen mit Jugendlichen für Diskussionen. Vorlage von Clarks Film war eine tatsächlicher Kriminalfall in den USA, bei dem einige High-School-Kids beschlossen, einen ihrer Kameraden umzubringen. Er wisse, dass sein Beitrag alles andere als "politisch korrekt" sei, meinte Clark, doch wolle er das wahre, brutalisierte Gesicht der amerikanischen Jugend zeigen. "Es geht einfach nicht, dass wir weiterhin so tun, als handle sich lediglich um vereinzelte Fälle", meinte er und nannte sich selbst einen "Moralisten". "Y Tu Mama Tambien" eilt der Ruf des bisher größten mexikanischen Filmerfolges voraus. In dem Film geht es um Freundschaft und Sinnesfreuden, was recht explizit zum Ausdruck kommt. Die Beurteilung schwankt zwischen "American Pie - Version Tequila" und einer humorvollen Sozialstudie über Jugendliche an der Grenze zum Erwachsenwerden, einem Road Movie aus einem Land, das eine lange Geschichte politischer und sozialer Spannungen hat. (APA) -------------------------------- Das Ende des Repräsentierens Österreichs «Auslandskultur neu» Jdl. Das bisherige Erscheinungsbild der österreichischen Kulturinstitute im Ausland soll tiefgreifend verändert werden. Das gab die zuständige Aussenministerin Benita Ferrero-Waldner bei einer Tagung bekannt, auf der auch ein Konzept für die nächsten Jahre präsentiert wurde. Die österreichische «Auslandskultur neu» bringt eine Umbenennung der bisherigen Institute in «Kulturforen». Diese, insgesamt 28, werden zum Grossteil den Botschaften eingegliedert und könnten damit ihren Signalcharakter verlieren. Die Zeiten des Repräsentierens seien vorbei, hiess es dazu bei der Tagung. Das Budget für die österreichische Auslandskultur wird, wie in den letzten Jahren, weiter sinken. Nach der Schliessung des Kulturinstitutsgebäudes in Paris werden auch andere Städte von gleichen Sparmassnahmen betroffen sein. Neue Kulturforen soll es dagegen in Mexico City und Kairo geben. 5. September 2001, 02:18 NZZ -------------------------------------------------------------- La Stampa: http://www.lastampa.it/_EDICOLA/nazionale/spettacoli/VENEZIA.htm -------------------------------------------------------------- ÖFI Interview Ulrich Seidl/Hundstage/Interview Bedeutet der Genrewechsel vom Dokumentarfilm in den Spielfilm einen Schnitt in Ihrem Schaffen? Es markiert ein Ende und auch einen Anfang in meiner filmischen Arbeit. Es ist ja so, dass meine bisherigen Filme eher als Dokumentarfilme gegolten haben, auch wenn sie das in diesem Sinne nicht waren. Hundstage wird als richtiger Spielfilm gelten, mit einem richtigen Drehbuch, richtigen Geschichten und richtigen Schauspielern. Obwohl er für manche gar nicht wie ein richtiger Spielfilm ausschauen wird. Was macht Hundstage zum Spielfilm? Es ist ein Spielfilm, weil es vor dem Dreh ein Drehbuch mit genau geschriebenen Geschichten und einer klaren Dramaturgie gegeben hat. Dieses geschriebene Drehbuch wurde dann mit Schauspielern und Nichtschauspielern besetzt. Bisher hatte ich ein Thema, zu dem ich Material sammelte und dann mit den Protagonisten Szenen und Fragmente entwickelte. Für Hundstage ist etwas geschrieben worden, das umgesetzt wurde. Was war der Ausgangspunkt für die sechs Episoden? Es gab keine Ursprungsidee für den Film. Es ist so, dass ich seit ewig Ideen sammle in Form von Beobachtungen, Notizen, Fotos, Filmen oder Zeitungsausschnitten. Das stapelt sich. Es gibt bei diesem Film Ideen, die 20 Jahre und andere, die zwei Jahre alt sind. Irgendwann sind sie zu einem Film zusammen gewachsen, wobei der wirkliche Rahmen ein örtlicher und ein zeitlicher war: es musste in einer bestimmten Gegend zu einem bestimmten Zeitraum, nämlich über ein Wochenende spielen. Und die Landschaft südlich von Wien, in der wir gedreht haben, gibt es ja überall auf der Welt. Wie war das Drehbuch ursprünglich konzipiert? Es handelte sich um kein Drehbuch im konventionellen Sinn, da die Dialoge ausgespart wurden. Es gab zunächst sechs lineare Kurzgeschichten. Das Konzept sah ursprünglich vor, dass man quasi wie bei einem Staffellauf von einer Geschichte in die andere gerät, dass Figuren eine Art Stabübergabe machen. Das wurde aber beim Schnitt sukzessive eliminiert. Der fertige Film ist jetzt so, dass die sechs Geschichten miteinander vernetzt wurden. Wie finden Sie immer wieder diese außergewöhnlichen Darsteller Ich glaube, dass man für jeden Film die Methode des Castings neu erfinden muss. Man kann selten auf Erfahrungen zurückgreifen. Jede Geschichte verlangt ihre eine Art der Recherche. Das ist natürlich sehr zeitaufwendig und macht er der Filmproduktion schwer. Auch ich habe das bei Hundstage fehl eingeschätzt. Wir haben uns drei Monate für das Casting vorgenommen, es hat aber über ein Jahr gedauert. Wo haben Sie dann konkret gesucht? Das meiste ist sogenanntes Straßencasting. Wenn man beispielsweise einen junge Autonarren sucht, muss man sich Gedanken machen, wo gehe ich hin, damit man solche Jugendlichen findet. In Clubs oder auf Tankstellen oder Discos. Da die Geschichte aber nicht in Wien spielt sondern in Vösendorf oder Wiener Neustadt, muss man dort suchen. Das Schwierigste daran ist dann, dass man einen Zugang zu der Autonarren-Szene findet. Man kann ja nicht auftreten und sagen, ich suche jetzt Leute für einen Film, man muss viel feinfühliger vorgehen, sich in die Szene einfügen, sonst ist man, bevor man überhaupt drinnen ist, schon wieder draußen. Wie groß ist der Anteil an nicht-professionellen Schauspielern? Es hät sich ungefähr die Waage. Verlangen Sie von Ihren Darstellern, etwas von ihrem Leben mitzubringen. Sie müssen. Das ist ein Kriterium bei der Besetzung der Profis wie der nicht-professionellen Darsteller. Ich achte darauf, ob sie bereit sind, von ihrem eigenen Leben, ihrer eigenen Privatheit etwas einzubringen. Das war auch genau das Wagnis bei Hundstage: eine Mischbesetzung, in der Profis und Nicht-Profis innerhalb einer Episode zusammengespannt sind. Wissen die Darsteller, was sie erwartet? Ich beschreibe ihnen die Figur, die ich suche und erzähle die ungefähre Geschichte. Aber Drehbuch bekommen sie keines. Es geht einerseits um Alltag, andererseits kommen sehr grenzgängerische, exzentrische Typen vor. Ich glaube nicht, dass das zutrifft. Die Geschichte mit den Jugendlichen glaube ich, ist sehr normal und durchschnittlich. Der Mann für die Sicherheit auch. Das geschiedene Paar steht für eine bestimmte Schicht. Ja, die Autostopperin ist eher ungewöhnlich. Und die extremste Geschichte ist die mit der Lehrerin, die ist sicherlich nicht alltäglich. Wobei ich sagen muss, dass wir beim Schreiben auf Leute zurückgegriffen habe, die wir kannten. Gab es grundlegende Unterschiede in der Arbeitsweise im Vergleich zum Dokumentarfilm? Nein, für mich war der Wechsel nicht so groß. Ich hab einfach Erfahrungen aus meiner Dokumentarfilmarbeit in den Spielfilm übernommen und sie noch weiter und extremer betrieben. Es wurde bei diesem Film natürlich viel improvisiert, weil die Dialoge kreiert werden mussten. Ich hab zum Großteil chronologisch gedreht, was bei einem Spielfilm sehr unüblich ist, da man aus Gründen der Ökonomie einen Schauplatz abdreht, auch wenn es sich um Szenen handelt, die am Anfang und am Ende des Films liegen. Das hab ich nicht gemacht. Die chronologische Vorgangsweise gab mir die Möglichkeit, Geschichten weiter zu entwickeln. Wenn ich schon etwas vorwegnehme, was am Schluss kommt, kann ich nicht mehr zurück. Wie wurde die Kamera eingesetzt? Sehr viel Handkamera, im Vergleich zu meinen bisherigen Arbeiten wurde hier prozentuell sicherlich am meisten Handkamera eingesetzt und die war sehr reportagenhaft. Wenn ich in früheren Filmen die Handkamera einsetzte, dann war die auch choreografiert, sie war besprochen, geplant, geprobt, das war bei Hundstage nicht der Fall, hier gibt es Szenen, wo der Kameramann völlig auf sich selbst gestellt ist. Ihre offene Arbeitsweise stellt sicherlich eine Herausforderung an die Produktion und das Team dar. Die Episode mit dem geschiedenen Ehepaar ist da ein gutes Beispiel. Es geht nämlich um Fragen wie Was ist jetzt geschrieben?, Was steht im Drehbuch?, Wie wird improvisiert?, Wie werden Locations ausgewählt?. Die Szene im Swimmingpool und die, wo beide auf der Schaukel sitzen, hat es beispielsweise im Drehbuch nicht gegeben. Wir hatten gar kein Haus mit Swimmingpool gesucht, erst durch die konkrete Situation, die ich vorfand. Durch das Haus mit dem leeren Swimmingpool bin ich auf die Idee zu dieser Szene gekommen. Dasselbe war mit den Kinderschaukeln. Man stellt sich immer vor, dass die Dinge, die am stärksten sind, von langer Zeit geplant sind. Diese beiden Szenen sind ein gutes Gegenbeispiel. Warum haben Sie eine Atmosphäre der Hitze gewählt in einem Land, wo alle unter der Kälte leiden. Es war sehr wichtig, dass der Film in einer Atmosphäre der Hitze stattfindet, weil in der Hitze die Aggression steigt und die Scham fällt. Die Leute sind außer sich und sie entkleiden sich auch äußerlich. Das war eine grundsätzliche Idee für die Geschichte. War es auch wirklich heiß beim Drehen? Nein, nicht immer. Aber wenn es nur 25 Grad hatte, ließ ich einheizen. Das Wetter war tatsächlich ein großes Problem. Ich hab die Order ausgegeben, nur bei wolkenlosem Himmel zu drehen und allein das war sehr schwer vorauszusagen. Wir sind mit der Zeit draufgekommen, dass alle Wettervorhersagen Scharlatanerie sind. Wenn man weiß, was vorausgesagt wurde, und darauf tatsächlich wartet, merkt man erst, dass es praktisch nie stimmt. Insgesamt haben wir dann in einem Zeitraum von vier Monaten gedreht. Was waren die Gründe für die lange Postproduktion? Der Grund dafür, dass sie eineinhalb Jahre dauerte, lag darin, dass der Film nach dem Dreh so viele Möglichkeiten offen ließ. Es war mit Beginn des Schnitts so, als würde man das Drehbuch neu zu schreiben beginnen. Es waren 80 Stunden Material vorhanden. Das ist einfach meine Art, an Dinge heranzugehen. Es gab anfangs 14 Geschichten, in der zweiten Stufe haben wir sie auf neun reduziert, dann waren es sieben. Während der Dreharbeiten ist noch eine ganze gestrichen worden, jetzt sind es sechs. Dieses Material wurde dann im Schnitt sukzessive gefiltert und reduziert. Als erstes lag eine achtstündige lineare Episodenfassung vor. Die vernetzte Fassung stellte den nächsten Schritt dar, sie dauerte drei Stunden. Die endgültige Fassung beträgt jetzt nur zwei Stunden. Der Schritt von drei auf zwei Stunden war der schwierigste. Zu reduzieren, kompakt, flüssig und auch im Detail genau zu bleiben und dabei noch eine Stunde herunterzukommen, das hat sehr lange gedauert. Ist Hundstage ein typisch österreichisches Gesellschaftsportrait? Obwohl der Film, glaub ich, sehr österreichisch ist, spricht er hoffentlich für alle Menschen in der westlichen Hemisphäre. Es geht um die Sehnsucht nach Glück und Liebe und um die Enttäuschung dabei, um den immer neuen Versuch, geliebt zu werden und um den Tod. Die Figuren sind sehr ambivalent, aber ich hoffe, man versteht sie und darum geht es mir - zu verstehen, warum jemand in seiner Welt so agiert. Hundstage ist wie auch Ihre vorangegangen Arbeiten, ein sehr provokanter, verstörender Film Ich denke nicht darüber nach, ob ein Film provokant ist. Kunst war immer provokant, wenn sie gut war. Insofern ist es kein Nachteil, wenn etwas provokant oder verstörend ist, weil das ja heißt, dass man beim Zuschauer etwas in Gang setzt. Ich glaube, dadurch schafft man es auch, den Zuschauer in eine Welt hineinzuziehen. Es wird ihm nicht so leicht gemacht, sich davon abzusetzen und nur im Kino zu sitzen, um sich eine Welt vorführen lassen. Er wird hineingezogen und muss sich dabei mit sich selbst konfrontieren. Die Stärke dieses Films ist seine Authentizität, ich denke die ist mir auch gelungen. Es gibt vieles, was mir nicht so gelungen ist. Gottseidank sind wir immer noch unzufrieden. Vieles, was man sich vornimmt, funktioniert einfach nicht. Ich glaube, dass der Film wirklich richtig besetzt wurde, die Authentizität der Schauspieler und der Surrealismus des Films sind wirklich gelungen. Diese Atmosphäre stimmt und ich glaube, es ist auch die Kraft, die den Film ausmacht. © Austrian Film Commission ----------------------------------------------------------------- Ulrich Seidl: Hundstage 34 Grad im Schatten, kein Wölkchen am makellosen Himmel, die Ruhe der Ferienzeit kumuliert mit der Langeweile des Wochenendes und das unsüße Nichtstun erreicht an den Ausläufern der Großstadt seinen Höhepunkt. Wer nicht gerade halb entblößt am Rande eines Swimmingpools oder am Eigenheimbalkon in der prallen Sonne schmachtet, den kitzelt die glosende Hitze langsam an den leicht entflammbaren Nervenenden. Was sich da in der trügerischen Stille eines Hochsommerwochenendes teils hinter dicht geschlossenen Fensterläden im Verborgenen hält, das hat der Filmmacher Ulrich Seidl in seiner neuen, erstmals unter dem Titel Spielfilm abgewickelten Produktion Hundstage gnadenlos ans gleißende Sonnenlicht geholt. „Hitze“, so der Regisseur, „erzeugt eine unterschwellige Aggressivität, die Scham fällt, die Aggression steigt, die Leute entkleiden sich und geraten auch außer sich. Dass dieser Film in einer Atmosphäre der heißesten Tage im Jahr spielt, war Grundbedingung.“ Eine weitere war der Ort des Geschehens: Seidls kleine Alltagsdramen spielen im Süden Wiens, dort, wo es keine Spur von Großstadt mehr gibt, wo aber auch jede ländliche Idylle noch weit entfernt ist. Irgendwo, im Zwischenland, wo pieksaubere Ensembles aus Einfamilienhäusern und Reihensiedlungen mit dem einen oder anderen Supermarkt ein lebenswertes Ganzes bilden, nahm Seidls schonungsloses Sittenbild seinen Ausgang. Fiktion oder Wirklichkeit? Die Inspiration für die sechs Episoden lieferte sein unermesslicher Fundus an Beobachtungen, Notizen und Film- oder Zeitungsausschnitten. „Es gibt in dem Film“, so Seidl, „Ideen, die zwanzig Jahre und andere, die nur zwei Jahre alt sind, irgendwann sind sie zu einem Film zusammengewachsen. Ich habe beim Schreiben jedenfalls nur auf Menschen zurückgegriffen, die ich kannte und von denen ich weiß, dass es wirklich so passiert ist.“ Fiktion oder Wirklichkeit? ist dennoch eine Frage, die Hundstage ebenso aufwirft, wie alle bisherigen Arbeiten Ulrich Seidls, wenn auch unter umgekehrtem Blickwinkel. Konnte man bisher selten glauben, dass es sich bei den Protagonisten der vorangegangenen Dokumentarfilme um Menschen aus der Wirklichkeit handelte, so nährt Hundstage immer wieder die Vermutung, dass so viel Authentizität nichts mit Schauspielerei zu tun haben kann. Nicht zu unrecht, denn der überwiegende Teil der Darsteller kann auf keine vorherigen professionellen Erfahrungen vor der Kamera verweisen. Darüber hinaus betont der Regisseur, „ist ein wesentliches Kriterium bei der Besetzung der Profis wie der Amateure, dass die Leute bereit sind, aus ihrem eigenen Leben, ihrer Privatheit und Intimität etwas einzubringen. Das besondere Wagnis in Hundstage war es, in einer Mischbesetzung zu arbeiten und Profis mit Nicht-Profis innerhalb einer Episode zusammenzuspannen“. Dem Casting kam somit eine entscheidende Rolle in der Anfangsphase der Produktion zu und nahm auch statt der geplanten drei Monate ein gutes Jahr in Anspruch. „Ich glaube“, so erklärt Seidl die ungewöhnlich lange Phase der Suche nach der idealen personellen Ausgangssituation für den Dreh, „dass man für jeden Film die Methode des Castings neu erfinden muss. Man muss fragen, was verlangt die Geschichte, welche Leute sucht man wo. Das ist sehr zeitaufwändig, weil es keine Methode gibt, die in jedem Fall zu einem bestimmten Ziel führt.“ Schräges Panoptikum Sechs lose miteinander vernetzte Episoden liegen jetzt als das Ergebnis eines Projekts vor, das ursprünglich für 14 linear aneinander gereihte Geschichten angedacht war und aus 80 Stunden Rohmaterial zu einer unbequemen Milieustudie hinter den Fassaden kleinbürgerlicher Durchschnittlichkeit verdichtet wurde. Ein bildhübsches Mädchen und ein Autofreak, der jedes Mal außer Rand und Band gerät, wenn sich ein männliches Augenpaar auf seine Auserwählte richtet; ein alter Herr, Zwangsneurotiker und Hundebesitzer mit seiner Haushälterin, die ihm zuliebe gelegentlich ein Kleid seiner Verstorbenen an- oder alle Hüllen ablegt; ein gut situiertes, geschiedenes Paar, das unter einem Dach weiterlebt und in einer verstörenden Sprachlosigkeit versucht, ihrer Trauer um ihr verunglücktes Kind Herr zu werden; eine Lehrerin und ihr vulgärer Liebhaber, der sie in ein fatales Dreiecksspiel mit seinem Freund treibt und schließlich zwei Einzelgänger: der eine, als Vertreter für Sicherheitsanlagen ein gefragter Mann im Mekka der kleinen, abgeschotteten Welten. Die andere, eine verrückte Autostopperin, die ihre Zeit damit vertreibt, mit Unbekannten durch die Gegend zu fahren, um sie mit ihrem schamlosen Geschwätz zu bombardieren. Ein Panoptikum, schräg und banal zugleich, das zunächst kleine Geschichten aus der Normalität von Nebenan verspricht, bevor der Regisseur langsam aber mit unerbittlicher Zähigkeit die Schichten bis an die wunden Punkte der einzelnen Persönlichkeit freilegt. Auf den wunden Punkt Mehr als eine kurz umrissene Beschreibung ihrer Rolle erhielten die Darsteller nicht, die Dialoge, die im Drehbuch noch nicht festgehalten waren, entstanden durch Improvisation am Set. Die prozesshafte Entwicklung der Handlung erforderte einen strikt chronologischen Dreh, auch wenn dies eine mehrmalige Rückkehr zum selben Drehort notwendig machte und sich so der zeitliche und materielle Aufwand erhöhte. Nur so war es möglich, jegliche Wendung bis zum Schluss offen zu lassen und auch einen konsequenten Schritt weiter in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Authentizität zu gehen. Sie zieht sich als Leitmotiv durch sämtliche Seidlschen Arbeiten, die sich sukzessive hin zum erzählerischen Dokumentarfilm bewegten. Mit Hundstage gleitet Seidl erstmals in die Fiktion, ohne den hohen Anspruch auf Echtheit der Figuren zurückzuschrauben. „Ich hab einfach“, resümiert Seidl, meine Arbeitsweise in den Spielfilm übernommen und sie noch weiter und extremer betrieben.“ So weit, dass so mancher Darsteller nahe daran war, das Handtuch zu werfen, es dem Regisseur dennoch einmal mehr gelang, seine Akteure zu einer irritierenden und provozierenden Offenheit vor der Kamera zu bewegen. „Die Authentizität “, so Seidl „ist die Stärke dieses Films. Ich glaube dadurch schafft man es auch, Zuschauer in eine Welt hineinzuziehen. Es wird ihm nicht so leicht gemacht, sich davon zu separieren und nur im Kino zu sitzen, um sich eine Welt vorführen zu lassen. Er wird hineingezogen und muss sich dabei mit sich selber konfrontieren“. Hundstage zeichnet Menschenbilder aus der Peripherie einer Stadt quer durch Generationen, quer durch Schichten. Wie in einem Fotoalbum lenkt es den Blick auf Lebensausschnitte, hinter Momentaufnahmen nehmen langsam Geschichten voller Sehnsüchte und Enttäuschungen Gestalt an, die Kamera bleibt unbarmherzig dort drauf, wo der Betroffene ebenso wie der Zuschauer lieber wegschauen würden. Hundstage brüskiert in seiner tabulosen Direktheit, schafft wunderbare Portraits von der Ambivalenz der menschlichen Seele und liefert schließlich im Ungesagten die stärksten Bilder von verinnerlichter Aggression und sprachloser Verzweiflung. Karin Schiefer © Austrian Film Commission 2001