filmtabs ----- Meine Heldin Cédric Kahn, F 1997. Auf der Cocktailparty amüsieren sich alle. Wie können sie nur. Wo Martin auch hinschaut, die Gesichter der anderen sind von Fröhlichkeit gezeichnet. Sie flirten und reden oberflächliches Zeug, dabei geht es im Leben doch um ganz andere Sachen. Von denen Martin anders als die anderen wenigstens weiß, daß er sie nicht weiß. Denn Martin ist ein Philosophiedozent in der midlife crisis. Er hat einen Fehler gemacht, und zwar den Beruf zum Leben: jetzt ist er Sinnsucher total, das macht ihn krank. Bei Sophie, der Gastgeberin - seiner Ex- und Busenfreundin - darf er sein Leid anlanden, auch wenn sie ihm heute nicht weiter helfen kann. In solchen Momenten ist es immer Zeit zu gehen, raus auf die Straßen des nächtlichen Paris. Soweit dachte ich noch, das sei ein Kurzfilm vorneweg; bemüht, aber mit abgeklapperter Thematik. Doch diese Partyhölle der Anderen - das ist der Anfang von "Meine Heldin", des neuen Films von Cédric Kahn. Wir werden Martin von nun an ohne Pause auf der panischen Sinnsuche begleiten. Ein philosophisches Seminar ist für existentielle Krisen und existentialistische Filme ein beliebter dramaturgischer Hintergrund und Absprungspunkt. In Abel Ferraras "The Addiction" hatte Lili Taylor die innere Leere, die durch übermäßiges Philosophieren stets entsteht, mit einer Sucht gefüllt. Dabei wurde, wir erinnern uns, ein weiteres existentialistisches Genre hinzugenommen, - sie wird Vampir und drückt Blut. Anders Martin. Seine addiction ist konventioneller: es ist die sexuelle Hörigkeit. "Meine Heldin" ist die Wiedererweckung des totgeglaubten eindimensionalen Existentialismus - im zwickenden Gewand des französischen Kinos der Jetztzeit. Es handelt sich übrigens um die Verfilmung von Moravias Roman "Die Langeweile". Aber genug davon. Der Partyhölle entronnen, streunt Martin genregemäß durch die Bars von Pigalle. Er verfolgt voyeuristisch ein ungleiches Paar, älterer Mann mit sehr jungem Mädchen. Sie rennt davon, Martin folgt dem Mann in die Bar, zahlt seine Zeche, bekommt von ihm dafür ein Gemälde geschenkt - ein Künstler! Das alles beschäftigt natürlich Martins im Steinbruch der Arbeit am Begriff ausgebrannte Phantasie. Tags darauf sucht Martin das Atelier des mysteriösen Mit-Existenzkrislers auf. Der ist inzwischen gestorben, am Sexinfarkt, so die Concierge. Der neugierige Martin dringt ein. Alles voll mit pornographischen Akt-Bildnissen. Und das Lieblingsmodell des Malers huscht unverhofft durch den Raum, sie sucht vergessene Sachen zusammen. Klar ist Cécilia es gewesen, die den armen Mann zu Tode gevögelt hat - Martin lockt es aus ihr heraus. Sie geht ihm daraufhin nicht mehr aus dem Kopf. Er will es auch haben. Sie ist völlig ungebildet, hat keine Freude an Gesprächen, will eigentlich nur das eine. Anfangs glaubt Martin sich überlegen, aber er ist völlig abhängig von ihr. Sein Leben dreht sich nur noch um Sex, und dito der Film, - es ist ermüdend. Krankhaft scharf, winselt Martin wie ein Hund und bespringt Cécilia selbst dann noch von neuem, wenn sie nach dem Abschied schon im Türrahmen steht. Nebenbuhler nimmt er demütig hin. Wir sehen ihn fallen und fallen. Ein sehr giftiges Sinnsurrogat. Cécilia ist das alles gleich, sie quält ihn nicht absichtlich. Sie ist halt so. Das kann ja nicht gut gehen. Ein merkwürdiger Film: kalter Sex kalt abgefilmt. Erstaunlich ist der intellektuelle Gestus bei völlig klischeehafter Handlung. Die realistische Szenerie wird durch die Monotonie der ununterbrochenen Perspektive auf Martin ins leicht Surreale stilisiert (er wird von Charles Berling gespielt). Die sinnlosen Qualen des traurigen Helden tun weh, aber irgendwann ist er uns nur noch ein lächerlicher Clown, dessen Befindlichkeit nicht mehr ernst genommen werden kann. Mit dieser Ratlosigkeit läßt uns "Meine Heldin" zurück, nachdem der Schluß à la Camus uns noch schnell vollends verwirrt oder verärgert hat - ist er Affirmation oder Travestie? Martin ist im Unglück an den Baum gefahren, hat das gleichmütige Ding nach einem letzten Korb endlich verwunden, und dann, im Krankenhaus, lächelt er debil in die Kamera wie der glückliche Sisyphos, in dessen Los wir uns nach Alberts Meinung schicken sollen. Jakob Hesler ----------------------------- Gepflegte Leidenschaft «L'ennui» von Cédric Kahn Versuche, der existentiellen Langeweile zu entkommen: Charles Berling als Martin, der Philosoph, und Sophie Guillemin als Cécilia. (Bild pd) Manchmal ist es ein Kreuz mit jenen Regisseuren, die in jedem besseren Stück Literatur gleich einen Film sich entfalten sehen. Oft handelt es sich bloss um einen Fall von Tunnelblick, also um eine quasi professionelle Verengung des Gesichtsfelds, unter deren Einfluss sprachliche Plastizität bereits für visuelle Sinnlichkeit gehalten wird. Künstlerisch führt das gern und schnurgerade in ein anspruchsvolles Mittelmass. Das Verhältnis von Literatur und Kino erreicht nur eine stimmige Lauwärme, in der wir von der einen und vom anderen zuviel von dem bekommen, was wir nicht wollen: von der Sprache das Eindeutige des Physischen und vom Bild eine Art belebte Geschwätzigkeit. Und leider ist auch nichts Besseres zu berichten von Cédric Kahns «L'ennui», der eigentlich tadellosen (wenn wir das Wort als das Gegenteil dessen nehmen, was uns in einem Film mitreisst), aber eben zur gepflegten erotischen «lecture» kondensierten Verfilmung des Romans «La noia» («Die Langeweile», erschienen 1960) von Alberto Moravia. Es ist in «L'ennui» viel Mühe zu erkennen, die obsessiven sexuellen Folgen einer Gelangweiltheit zu zeigen, die Moravia als ein Gefühl von Wirklichkeitsmangel beschrieb oder als «eine zu kurze Decke in einer Winternacht» (zieht man sie zur Brust hoch, frieren die Füsse). Unter Beachtung der notwendigsten Werktreue und mit der Freiheit, die man sich dabei nehmen darf, erzählt der Film die Geschichte des nicht mehr ganz jungen Philosophen Martin (Charles Berling), der sich in der Beziehung zu einem siebzehnjährigen Malermodell an der Konkretheit zu wärmen versucht. Das ist dann: Verwechslung von kontinuierlichem Geschlechtsverkehr mit Gefühlsrealität. Der männliche Intellekt, der ein solches Verhältnis damit legitimieren will, dass so ein junges Ding von einem älteren Herrn ja auch viel lernen könne, zerschellt an einer geradezu diamantenharten Oberflächlichkeit des Mädchens, sobald er versucht, zu einem Wesen hinter der eigenen Projektion vorzudringen. Konfrontiert mit kalter Sinnlichkeit, überhitzt sich die Leidenschaft, und der Mann wird verrückt, was doch gewiss kein langweiliges Thema ist. Heiss wird einem dabei dennoch nicht, trotz beträchtlicher erotischer Hektik. Eher schon versetzt «L'ennui» in einen Zustand von Desinteressiertheit, in dem man eine Geschichte aus der Distanz betrachtet, nicht recht weiss, was die Aufregung soll, und (um bei jenem Bild von Moravia zu bleiben) an die Füsse friert, wenn man sich das Drama zu Kopf und zu Herzen gehen lassen will. Unbefriedigende Filmwirklichkeit. Es leidet darunter vor allem die Figur des Martin, die aus dem Italien der späten fünfziger Jahre (wo sie Dino hiess) ins Frankreich der Neunziger gebracht wurde. Man hat ihm und seinem Text die Heimat einer Zeit genommen, es fehlt ihm jetzt die verquälte, wortreiche Grossbürgernoblesse, die penetrante Männlichkeit und die literarische Subjektivität eines besessenen Ich-Erzählers. Bleibt die Reduktion: der Schemen eines Intellektuellen im filmischen Irgendwo. Allerdings kann man dem Regisseur das Recht nicht nehmen, für die Figur des Mädchens Cécilia mehr übriggehabt zu haben. Sie hat an Stärke gewonnen, und Cédric Kahns Verdienst ist die Entdeckung der Schauspielerin Sophie Guillemin. Mitleidlos sinnlich, verführerisch in ihrer Unattraktivität und eisern indolent lässt sie einen Liebhaber an sich kaputtgehen. Zum Drama reicht das nicht, zur isolierten Charakterstudie schon: die grossartige Darstellung einer unschuldigen Lieblosigkeit. Christoph Schneider Neue Zürcher Zeitung, 13. August 1999