(Reini Urban)
52 besuchte Filme in 6 Tagen.
Ohne große Enttäuschung bis auf die Eröffnung und die prämierten Filme. Ein sehr
gutes Resümee.
Wie angekündigt, war das Jahr 2001 das Jahr der qualitativen Rekorde in der österreichischen Spielfilmlandschaft. Internationale Festivalerfolge wie noch nie zuvor, ausverkaufte Diagonale Kinos in Graz, um 20% mehr Vorstellungen, um 27% mehr Auslastung, eine qualitativer Quantensprung im Spielfilmbereich. Aber auch die Lang- und Kurzdokus, Kurzspielfilme und besonders das Rahmenprogramm überzeugte vollauf. Da störte auch nicht die relativ geringe Ausbeute der Filmhochschule dieses Jahr; und die bekannt traditionell schlechte Qualität der "typisch österreichischen Massenproduktionen", dieses Jahr vertreten durch die üblichen alten Haudegen (Gebürtig, Jedermann's Fest, Ene Mene Muh, ... - wie immer katastrophal schlecht) und eine paar neue Junge (Vollgas, Nogo - gerade noch akzeptabel).
Nach den herausragenden Festivalerfolgen von "Das weiße Rauschen", "Die Klavierspielerin", "Hundstage", "Lovely Rita", "Mein Russland", "Vollgas" und "Richtung Zukunft durch die Nacht" brauchte das österreichische Kino nicht mehr unbedingt den Diagonale Schub, die meisten Filme hatten schon einen Verleih und Premieretermin vorher. Die guten Filme konnten sich die besten Termine vorher schon aussuchen. Die meisten schlechteren leisteten sich auch schon einen Vorabstart. So konnten wir uns auf der Diagonale auf die Premiere einiger ausgesuchten Filme beschränken, wobei etwa "Gebürtig" in die Kategorie peinlich und die kurzen 60 min Spielfilme mangels Kinoverwertbarkeit mit qualitativen Kriterien die Verleiher und das Publikum überzeugten ("Richtung Zukunft durch die Nacht", "Mein Russland", "Nachtreise").
Hellauf begeistern konnte der sonst traditionell peinliche Versuch einen durchgestylten Genrefilm mit allen filmischen Tricks zu machen: "Richtung Zukunft durch die Nacht" von Jörg Kalt. Wer diesen Film nur auf Video sah, muß ins Kino gehen. Erst dort entfaltet er seine unglaubliche Wirkung. Ein regulärer Kinostart wurde für Herbst 2002 ausgehandelt. Kalt wird dadurch wohl zum Vorbild einer neuen Generation von Filmstudenten, die den sachlichen Realismus der letzten Jahre sehr emotionell ablehnt und wieder Spaß am Film haben will. Meine Entschätzung dazu ist "leider". Und Kalt wird wohl ein Ausnahmetalent bleiben. Hoffentlich besinnen sich die Jungen wieder auf der Qualität der gerade der Filmakadamie entsprungenen "Neuen Wiener Welle" (Albert, Hausner, Resetarits, Grisebach) und ihrer Erstlingsmeisterwerke.
In dieser Richtung schlugen sich erfolgreich zwei anderer hervorragende Erstlingsfilme: "Mein Russland" von Barbara Gräftner, der erste österreichische Dogmafilm, Gewinner in Saarbrücken und um einiges besser als die etwas unterkühlten dänischen Vorbilder, und "Nachtreise" von Kenan Kilic, eine wohltuend einfache Geschichte ohne breite Abweichungen in einem kleinen Kurdenlokal. Dieser Film muß wohl erst ein paar Preise auf ausländischen Festivals einfahren, um hierzulande anerkannt zu werden. Besonders stolz bin ich neben dem Buch auf die hervorragende formale Qualität, das Geld reichte aber trotzdem nur für 2/3 des Films, also nur 67 Minuten, die die reguläre Auswertung im Kino etwas behindern dürfte. Schade.
Die tradionelle Mittelklasse von fünf bis zehn ORF bzw kinotauglichen größeren Spielfilme zur Erhaltung der österreichischen Kultur- äh Produktionslandschaft wurde dieses Jahr durch einige Mammutproduktionen verhindert. Eine Tatsache, die mich noch nicht besonders stört, solange dadurch nicht eine geringere Anzahl von qualitativ guten Filmen produziert wird. Für die nächsten Jahre schaut aber die Lage gelinde gesagt katastrophal aus. Kein Geld, schlechte Drehbücher, das ist sicher.
Die Dokus und Kurzspielfilme, traditionell die Stärken des österreichischen Films bislang, fielen qualitativ etwas ab, auch im Vergleich zur überragenden Heddy Honigmann, dem Ehrengast dieses Jahres. Geyrhalter's "Elsewhere" übt sich wieder in Eskapismus und schönen Bildern fernab jeder Fernseh- oder Universumästhetik und begeistert in seinem vier Stunden Film das Publikum. Der schon im Fernsehen zu sehende Preisträgerfilm "Amos Vogel" zählt zu den schlechteren Beiträgen. Humer wiederholt die zentrale Aussage Vogel's dreimal und läßt den radikal linken 80-jährigen Vogel in bekannter Fernsehmontage von seinem Leben und seinen prominenten Freunden erzählen.
Die besten Dokus übten sich wie jedes Jahr wieder in authentischen und realen
Dramen politischer Natur und erschütterten deshalb ungleich intensiver:
"Zur Lage" von Michael Glawogger, Uli Seidl, Barbara Albert und
Michael Sturminger, "Ausländer raus - Schlingensiefs Container" von
Paul Poet, "This is what democracy looks like!" von Oliver Ressler,
"Hamlet" von Peter Kern, "Limes ... Aktion Limes" von Erwin
Wagenhofer und "Im toten Winkel: Hitler Sekretärin" von Andre Heller
und Othmar Schmidinger. Alles Meisterwerke, wobei "Hamlet" weniger
durch den Film als durch die unglaubliche Hintergrundgeschichte Bauchweh
erzeugt. Nach der Ressler Doku über die letzte Kesselung durch die WEGA möchte
man am liebsten seine Staatsbürgerschaft ablegen, nach "Zur Lage"
sich am liebsten im toten Winkel verkriechen, nach dem Schlingensief Container
sich über die unglaubliche Naivität und Blödheit der Donnerstagdemonstranten
ärgern, nach Hamlet und dem leibhaftig anwesenden Rechtsrockproduzenten und
ehemaligem Feindbild Nummer Eins in Deutschland - Thorsten Lemmer - von seiner
skeptischen Meinung Rechtsradikalen gegenüber nicht aufzuweichen und dadurch
alle abendländisch - christlichen ethischen Werte über den Haufen werfen usw.
Alltagsfallen wohin man blickt.
"Gebürtig", eine Peinlichkeit par
excellance für den österreichischen Spielfilm. Eine aufwendige Großproduktion
mit hervorragender Kamera und Schauspielern, nach einer recht guten
Romanvorlage von Robert Schindel verkommt in der filmischen Umsetzung zur
klischeehaften Platitüde in politischer Korrektheit und Walser'schen
Wohlstandsbürger Problematik. Kein Fettnäpfchen wird ausgelassen, der
Zwillingsbruder, das Gewissen aus der Romanvorlage wird weggelassen, die
Schlußsätze jedes Kapitels des altersweisen Erzählers werden aus dem Off
gesprochen. Ein Film für das Zielpublikum, aber nicht mehr.
Warum muß aber dieser Film zur Eröffnung in der Grazer Oper das anwesende
Expertenpublikum belästigen? Der offizielle Standpunkt ist dieser: Das Jahr
2001 war das Jahr des Spielfilms, es blieben kaum noch akzeptable
Spielfilmpremieren übrig, nachdem in den letzten Jahren immer Dokus
eröffneten.
Die nicht so verwöhnten Teile des heimischen Grazer Publikums waren nett und
klatschte Beifall, meiner Mutter gefiel er, den Rest kümmerte es wenig.
Die bürgerliche Presse hatte ihr
Kanonenfutter bekommen, Man stelle sich den Skandal vor, wenn etwa "Zur
Lage", einer der Filme, die sofort ausreserviert waren, eröffnet
hätte.
Die diversen Juries bewiesen mit der Wahl für die Hauptpreise der diesjährigen Diagonale typisch österreichische Qualitäten: Herz, Sentimentalität, sturen Eigenwillen, und hermetisches Qualitätsverständnis, fernab des Mainstreams und des Publikums- und Kritikergeschmacks. Schon durch die Preisvergabe im letzten Jahr gewarnt, als Florian Flicker's "Überfall" völlig überraschend den großen Hauptpreis gewann und der sympathische Flicker in seiner Dankesrede nicht vergaß zu erwähnen, wem dieser Preis seiner Meinung nach und der Meinung aller anwesenden Gäste auch wirklich gebührte, nämlich "Mein Stern" von Valeska Grisebach, mangels Abwesenheit des Bruders "Das Weiße Rauschen" das einzige Meisterwerk des letzten Jahres, kürte die unabhängige Jury dieses Jahr nicht wie allgemein erwartet den peinlichsten Film "Gebürtig" (siehe oben), sondern, nein, den Film den sich keiner angesehen hatte: "Jedermann's Fest". Die erste Vorstellung dieses dreistunden Machwerks von Fritz Lehner wäre fast ausgefallen und gerüchterweise stattdessen der restlos ausverkaufte "Elsewhere" gezeigt worden, da interessierte sich doch ein barmherziger Filmemacher (Jakob M Erwa) und reservierte sich eine Karte. Dort saß dann noch ein zweiter im Royal Kinocenter. Die Jury kann's nicht gewesen sein.
Diese Entscheidung ist sicher keine Verhöhnung der Expertenmeinungen der österreichischen Filmkritiker, die diesen Film einhellig verrissen und dadurch der größten einheimischen Kinoproduktion vorab jeden kommerziellen Erfolg verhinderten. Diese Entscheidung ist typisch österreichisch und bombt uns dadurch zurück in den Ostblock, weit hinter Albanien, dort wo faktische Kriterien wie etwa künstlerische Qualität noch keine Relevanz besitzen.
Und es war kein Ausrutscher, das hatte System. In der Nacht des österreichischen Films in den ORF Kunststücken werden Meisterwerke der letzten Jahre wie "Helden in Tirol" und "Kubanisch Rauchen" gezeigt, alle anderen Preise außer der der Jugendjury und auch die Formulierung der Begründung lassen auf fortschreitende Demens der Filmexperten schließen. Da wird 2001 etwa die schlechte Qualität der Tonproduktion kritisiert, in einem Jahr wo gerade die Tonspur einiger Film international herrausragend ist ("Richtung Zukunft durch die Nacht", "Das weiße Rauschen" und drei Filme der No-Budget Reihe). Da wird über unabhängige und neue Produzenten gelästert, die die heimische Filmproduktion gefährdet. Wahrscheinlich weil sie das Niveau über den Standard hinaus hebt und die Preise senkt. Deshalb kann und mag die Jury für den zweiten Hauptpreis die unahängigeren Produktionen nicht bewerten und vergibt den Preis an "Nogo", die qualitativ drittschlechteste Spielfilm Arbeit dieses Jahres.
Oder wenn sich ein Frido Hütter in der Kleinen Zeitung oder hier besser ungenannt bleibende für "Trübe Aussichten" einsetzt, bringt das ungläubiges Kopfschütteln bei den Besuchern der restlos ausverkauften "Graz 2001" Reihe hervor.
Auch die diversen anderen kleineren Preise bestechen durch zielsichere Peinlichkeiten. Michael Palm's pubertäres Science Fiction Pseudodoku "Sea Concrete Human" in Anlehnung an "La Jeteé" und "Le dernier Combat" gewinnt den Preis für innovatives Kino, weil wir sowas ja noch nie gesehen haben und im pathetisch literarischen Kampf gegen das Ozonloch schließlich Außerirdische zu Hilfe kommen müssen. "A lucia" besticht durch freischwebende Interpretationsmöglichkeiten der Zuseher. Weil wo nichts zu sehen und interpretieren ist, passiert die Geschichte im Kopf. Oder auch nicht. Urlaubsbilder von der Insel aus der Super 8 Kamera als 20 sekündige Einstellungen und ein Schlußbild von Dreharbeiten vom letzten Robert Rodriguez Film.
Ganz toll. Das ist kein Zufall, das hatte System. Das Qualitätsverständnis der ORF Kunststücke haben auf den Rest der Experten langsam übergegriffen. Einzig die Jugendjury von unverbrauchten Schülern kürte wie jedes Jahr einen äußerst sympatischen kleinen Film, "Au clai de la lune" von Birgit Förster aus Graz. Eine kleine Stilübung, aber mit Herz und sehr sehenswert.
Stolz bin ich auf auf die zahllosen Skandalrufe während der Preisverleihung, noch mehr und noch lauter als letztes Jahr, und auf die hervoragenden Filme dieses Jahr auf der Diagonale. Ohne Zweifel das beste Jahr aller Zeiten für den österreichischen Film.
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