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Date: Tue, 01 Feb 2005 23:20:17 +0100
From: Reini Urban <rurban@x-ray.at>
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Subject: Kritik: Sideways (2005)
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Sideways (2005)

Regie + Buch: Alexander Payne
Cast: Paul Giamatti, Thomas Haden Church, Virginia Madsen, Sandra Oh
Roman: Rex Pickett ("Sideways")

Wenn jede Kritik mit dem Wein anfängt, muß ich mit der Vorgeschichte
anfangen. Den Autor Rex Pickett muß man sich als Miles, gespielt von 
Paul Giamatti vorstellen. Ein erfolgloser Autor und Englischlehrer,
mit einem gesunden Schuß Pessimismus und gerade vor 2 Jahren geschieden.
Fürchterliche Tragik.

Pickett, Jg. 52, legte dem Buch eigene Erfahrungen zugrunde. Anfang
der 80er, Pickett hatte er in der Schule Erfolg mit Gedichten. Da
fällt einem brilliantem College Freund ein, einen richtigen Film zu
planen, und bei den Studios groß abzusahnen. Pickett kennt einen
richtigen Drehbuchautor und meint, Wenn ich dir das Script schreibe,
liest du es? Natürlich. Nach zwei Monaten ist das Buch fertig, ein
total kommerzieller Actionfilm um Terroristen, die New York mit einer
Kernfusionbombe in Schach halten, "Critical Mass". Die zynische
Absicht war mit dem erhofften Geld Unabhängigkeit für richtige Filme
zu gewinnen. Nun, Rex schickt das Buch dem Drehbuchautor, dem gefällt
es, er schickt es seinem prominenten Agenten, dem gefällt es.  Die
Kanten müßte man ein bißchen abschleifen, ein paar kleine Änderungen,
kann ich nicht mehr sehen? Also schreibt Rex was anderes, auch sein
Freund hilft ihm, es wird fürchterlich langweilig.  Ende Kapitel Eins.

Rex ärgert sich, das erste Script hätte ordentlich abcachen können, er
wird an der USC Film School angenommen. Die Lehrer glauben alles über
Film zu wissen, Rex ärgert sich fürchterlich und steigt nach einem
Jahr aus. Mit seiner zukünftigen Frau und Oscar Gewinnerin schreibt
und dreht er 1984 seinen ersten Film "California without End".  In den
Staaten interessiert sich kein Verleih dafür, aber er verkauft ihn ans
deutsche Fernsehen. Ein Filmemacher trifft ein Mädchen in San
Franzisko, sie fahren gemeinsam nach LA, erleben allerhand unschöne
Geschichten, und das Ende ist traurig. Ein Vorrausblick auf die
nächsten 15 Jahre.

Fast Forward, Rex schreibt zB. eine Version "Alien 3" mit Fincher,
alles ist fertig, die Zeit drängt, es wird im letzten Moment eine neue
Version genommen und ähnliche Desaster. Seine Agentin in New York
stirbt an AIDS, er schreibt "La Purisima", einen mystischen Roman,
findet einen neuen Agenten, schreibt ihn dreimal um, bekommt 30
Ablehnungsbriefe, und schreibt die Story zu einer anderen leichten
Komödie, "Sideways". Dem Agent gefällt das besser, sie schicken
Sideways an die Filmleute in Kalifornien und nicht an die
Literaturszene in New York. Leichte Kost. 1998. Nichts passiert, der
Agent hat keine Zeit mehr, Rex steht wieder einmal ohne Agent da.  Da
steigt 4 Monate später Alexander Payne aus dem Flugzeug vom Edinburgh
Filmfestival aus, wo sein "Elevation" gerade mit Erfolg gezeigt wurde,
und sagt, Sideways, das wird mein nächster Film. Die Leute sind
begeistert. Payne's Agent ruft Rex' Agent an. Rex stimmt zu, daß Payne
daraus die Filmadaption macht. Der Originalautor sollte niemals das
Drehbuch selbst schreiben, meint er. Payne vertraut er, und aus dem
Stück kann man schließlich auch einen Roman machen.

Fast Forward. Nichts passiert. Payne dreht "About Schmidt" und hat
Erfolg. Jack Nicholson. 1998. Rex Pickett schreibt und dreht inzwischen
einen kleinen Kurzfilm "My Mother Dreams the Satan's Disciples in New
York". (Volltext: http://www.allmoviescripts.com/movie-scripts/265)
Er gewinnt damit den Oscar und jede Menge andere Kurzfilmpreise.

2002. "About Schmidt" wird nach Cannes eingeladen und für einen Oscar
nominiert. Geld für Sideways ist plötzlich da. Pickett schreibt den Roman
zum Film.

2004. Der Film ist fertig.
Miles bester Freund Jack steht kurz vor der Hochzeit. Jack ist ein
abgehalfteter Serienstar, der inzwischen Radiowerbung macht, und vom
reichen Schwiegervater das Angebot bekommt, doch mit in die
Immobilienbranche einzusteigen. Die letzte Woche als Junggeselle muß
ausgiebig gefeiert werden, eine Weintour von San Diego aus in die
berühmten Anbaugebiete im Norden. Miles will Jack in den Zauber des
Weines einführen, und Jack will Miles von seiner Trauer um die
verlorene Ehegattin ablenken. Miles' Buch hat Chancen in einem NY-er 
Verlag zu erscheinen, auch das muß gefeiert werden. Miles ist 
naturgemäß skeptisch, Zusage gibt's noch keine.

Das folgende Roadmovie mit den ehemaligen Stars Virginia Madsen
("Dune") und der Korea-stämmigen Kanadierin Sandra Oh ("The Last Night")
erinnert in der Stimmung an "About Schmidt" oder "Election", eine
Abfolge von banalen Fehleinschätzungen im Hirn des Zusehers. Der
jugendlich-straighte Jack und der blasierte, schulmeisterische Miles
gewinnt trotz leichtem Klassikjazz Hintergrundgedudel unsere Sympathie
und die der Damen. Miles charakterisiert seinen heißgeliebte Pinot
Traube als zartes, edles, dünnhäutiges Geschöpf, das viele Pflege und
Aufmerksamkeit braucht und keine schnelle Temperaturschwankung
verträgt. Die großartige kalifornische Landschaft erfährt endlich ihre
Würdigung. Abseits von Falcon Crest und den Städten blüht hier der
gelebte Kitsch, Tourismusnepp und anspruchsvollste
Jahrhundertwein. Die Kultur der Straßendörfer, Endlosmotels und
malerischen Weinberge spiegelt sich in dem Aufeinandertreffen des
rücksichtslosen Draufgänger Jack, dem gehemmten desillusioniertem
Miles, der Königin gespielt von Virgina Madsen, der neben Giamatti
auch eine Oscarnomiierung gebührt und die wie immer straight,
moderne Sandra Oh.

Leider schafft es die deutsche Synchroregie nicht zwei der vier Rollen
adequat zu besetzen und auch wesentliche Schlüsselworte werden falsch
übersetzt. Giamatti glänzt im Original mit einem leicht blasiertem,
schulmeisterlichen Tonfall, den aber Sky Dumont zu übertrieben
eingesetzt hätte. Die klassische Sprechtechnik des deutschen
Synchronsprechers läßt so eine wesentlich Nuance des Originals
verkümmern. Nahezu unsynchronisierbar ist Sandra Oh, mit ihrer
schnellen, tiefen Stimme. Aber dafür eine hohe, freche, sexy Stimme
einzusetzen, verfälscht den Charakter bis zur Beliebigkeit.  Perfekt
dagegen die klassisch theatralischen Stimmen für Madsen und
Hayden. Ärger auch im Detail. Das verhängisvolle Schlüsselwort ist auf
Englisch ("Rehearsal dinner") nicht so ein dramatischer und plumper
Versprecher, wie im Deutschen ("Hochzeitsessen"), ebenso wird zB. das
Obergescheite "Abattoir" mit "Abdecker" übersetzt. Das passt zum
ganzen Tonfall der deutschen Synchro. Im Gegensatz zu anderen
Synchronniederlagen der letzten Zeit schafft es die deutsche Fassung
aber nicht, uns den Film zu vergraulen. Zu gut wird die Stimmung über
Bilder und Nuancen transportiert, und vor allem die seit den
"Sopranos" beliebte, aber bislang unerreichte Kontrapunktion der
Erwartung, der Auflösung des Überhöhten-Genrehaften im Banalen, der
anders als in den post-modernen Genrestücken der letzten Jahre
(ausgehend von "Pulp Fiction") uns den Helden und die Kultur direkt
näher bringt. Es ist nicht nur alleine die Liebe zu den kleinen
Fehlern unserer Helden. Viel mehr das Nacherleben filmischer Momente
im Alltag, ohne abzuheben.

Mit "bislang unerreicht" meine ich, daß kein Film der letzten
Jahre besser sein kann, als eine durchschnittliche Sopranos
Folge. Aber es gibt Filme, die wollen gar keine besseren Filme
sein. Sideways ist das leichte Serien-Realo Format dazu. Weniger
Helden, weniger aufwendigeres Kamera- und Sounddesign, weniger
aufwendige Dramaturgie, aber bodenständiger, intellektueller.
Ein Top-Ten Film des Jahres 2005, neben Mar Adentro und Hotel Ruanda.

Reini Urban,
Radio Helsinki, Graz

Quellen:
   http://www.screenplayers.net/rexpickett.html
   http://www.harrisonline.com/audio/listings/rexpickett.htm
   http://www.rottentomatoes.com/m/sideways/

-- 
Reini Urban
http://xarch.tu-graz.ac.at/wiki/film/Sideways


