DER SPIEGEL 27/1995 Seite 183 Kunst


Bunte Orgasmen

Generationswechsel auf der Ars Electronica:
Nintendo-Kids machen die etablierte Computer-Kunstmesse überflüssig.

Mit krummem Rücken sitzt der bleiche Junge schon seit Stunden auf dem Barstuhl, seine Augen starren in den großen Bildschirm, seine rechte Hand ist schon fast mit der Computermaus verwachsen. Klick, klick, der Schirm füllt sich mit Texten, manchmal erscheinen auch ein paar bunte Bilder. Aus dem Nachbarrechner lärmen künstliebe Geräusche: Türknarren, Wasserrauschen oder kleine Explosionen.



Ars-Electronica-Besucher: Abschied einer Generation von der Dringlichkeit

Wie auf einer Bürowaren-Messe steht Bildschirm an Bildschirm. Doch die jungen Menschen, die neben den Computem stehen, tragen keine Anzüge, sondem Ziegenbart und weiße T-Shirts.

Die Helfer heißen die verwirrten Besucher willkommen in der "Wired World", der vernetzten Welt, dem Schauplatz des Medienfestivals Ars Electronica in Linz. Den "Mythos Information" hat Peter Weibel, künstlerischer Leiter des Festivals, dieses Jahr zum Thema gewählt. Die .,Netzprojekte" der Künstler sollten, so Weibel, "weltweit zum ersten Mal den Vorhang heben für einen Blick auf den Horizont der digitalen Datenautobahnen".

Doch zu sehen war dann etwa Weibels Cyber-Oper "Wagners Wahn oder Das heilige Land des Kapitals". Angekündigt als Stück über Werk und Wirkung des Komponisten, entpuppte sich die 60-Minuten-Inszenierung als Produktshow: Auf einem gigantischen Projektionsschirm zeigte Weibel Sequenzen seiner gerade fertiggestellten Wagner-CD-Rom, ein paar Wesendonck-Lieder gab es als künstlerische Sättigungsbeilage - Egomedia statt Multimedia. Während der Oper beantwortete Weibel per Tastatur wichtige Fragen der Netzgemeinschaft: "Wie alt bist Du?" Weibel tippte zurück: "50."

Damit konnte Ars-Großvater Weibel gerade noch bei Gleichaltrigen mäßiges Interesse wecken, das junge Publikum verließ genervt den Saal. Die Künstler der Nintendo-Generation haben für die Materialschlachten der Alten nur noch Verachtung übrig: "Es bringt nichts mehr, das Medium mit großem Aufwand zu mystifizieren", sagt Eva Grubinger, 24, die mit ihrem Projekt "Computer-aided curating" eine Kombination aus Galerie, Kunstwerkstatt und Museum im Datennetz schaffen will.

Per Mausklick hangeln sich Besucher in Grubingers virtuellem Museum von Künstler zu Künstler, die Übergänge haben die Ausgestellten selber bestimmt. So können Bit-Artisten nicht nur die eigenen Werke vorstellen, sondem auch gleich Werbung für die Arbeiten guter Freunde machen. Bislang sind im "Computer-aided curating" allerdings nur ein paar nette Spielereien zu sehen: Mal werden Orgasmen als bunte Wellenkurven visualisiert, mal werden die Gemälde von Botticelli in triste Wohnzimmerwände kopiert.

Das mag zwar künstlerisch nicht besonders wertvoll sein, aber es signalisiert eine Zeitenwende in der Computerkunst. Die Kinder des digitalen Zeitalters bestauncn den Computer nicht mehr als Wundermaschine, sondern nutzen ihn als Werkzeug.

Früher war die 1979 gegründete Messe für elektronische Kunst ein Spielplatz für Verrückte, Gaukler und selbstverliebte Techniknarren. Tagelang diskutierten Vordenker mit Kritikern über wilde Themen wie die "Lust an der Unsterblichkeit" oder ob es wohl jemals möglich sein werde, das Bewußtsein eines Menschen in einen Computerspeieher zu übertragen. Roboter krochen durch leergeräumte Museen und ersurrten sich die Sympathien der Besucher. Aufwendige TV-Experimente, die europaweit ausgestrahlt wurden, gab es ebenso wie opernhafte Lasershows über der Donau.

Mit solchen Spektakeln erwarb sich die Ars Electronica den Ruf als "Speerspitze der internationalen digitalen Avantgarde", so die Wiener Tageszeitung Der Standard.

Doch die junge Generation hat Abschied von der Dinglichkeit genommen: Ihre Installationen, Werke und Projekte sind nur auf der Festplatte abgespeichert und nur noch per Bildschirm, Maus und Tastatur zu erfahren. Ein Begreifen gibt es nicht mehr.

Fraglich deshalb, ob es die Ars noch lange geben wird. Schon jetzt klagten viele Gäste, die Reise nach Linz lohne kaum noch: "Das kann man sich ja auch zu Hause am Schreibtisch ansehen."

Und 1996 nehmen die Macher endgültig Abschied von der Kunstshow: Aus dem Festival wird, so plant Hannes Leopoldseder, ein "Museum der Zukunft". Der Ars-Mitbegründer und ORF-Hierarch will Multimedia-Installationen, etwa aus dem durch Rüstungs- und Industriegeld finanzierten Massachusetts Institute of Technology, das ganze Jahr dem Publikum präsentieren.

Dieses Konzept, das wirtschaftsnahe Forschung statt verträumter und mutiger Kunst fördern soll, will Ars-Altvater Weibel nicht mehr begleiten. Weibel ("Die Ars bin ich") nahm seinen Abschied. "Die Ars verschwindet ins Datennetz und ich auch."

Da paßt er auch gut hin. Zwar werden bis Ende dieses Jahres mehr als 25 Millionen Menschen, so haben die Marktforscher der US-Firma Yankee Group prophezeit, Zugriff auf das weltweite Datennetz Intemet haben. Aber das künstlerische Angebot erreicht allenfalls die Trostlosigkeit eines RTL-Abends: "95 Prozent im Intemet sind Schrott", sagt Eva Grubinger.

Fleißig zeichnen und texten zwar immer mehr meist junge Künstler in den Datennetzen, doch das Resultat ist oft genug kaum mehr als Zuckerwatte für die Augen: kurz mal anschauen, gleich weiter-zappen. "So richtig begeistert hat mich die Ontine-Kunst noch nicht", ätzt etwa Sarah Bayliss, Chefredakteurin des neuen Magazins World Art, das viermal pro Jahr in kritischen Artikeln die neue digitale Kunstszene dokumentiert.

Zwar erlaubt das Computemetzwerk Internet, Bilder, Musik und Videos in digitaler Forin weltweit zu publizieren. Doch die Stimmung Jeder kann ein Künstier sein", die zur Zeit durchs Internet wabert, "fördert vor allem richtig schlechte Kunst", sagt Bayliss.

"Es macht mehr Spaß, das Zeug zu programmieren, als mit dem fertigen Produkt zu spielen", kritisiert Friedrich Kittler, Medienprofessor in Berlin und langjähriger Kenner der Computerkunstszene, die Arbeiten. "Die Methode", so Kittler, "siegt über das Werk." Das neue Medium sei noch spröde, wirklichen Unterhaltungswert hätten bislang nur die Computerspiele.

Folgerichtig war deshalb die Installation "Ars Doom" ein Besucherfavorit der diesjährigen Ars Electronica: Orhan Kipcak hat den Ausstellungsort, das Linzer Brucknerhaus, per Computer digitalisiert und zur Arena eines elektronischen Ballerspiels umfunktioniert. Mit Pinsel, christlichem Kreuz, Fernbedienung oder Kettensäge bewaffnet, dürfen die Besucher die Künstler eliminieren. Beliebtestes Opfer der "Ars Doom"-Spieler war Ausstellungsleiter Peter Weibel.

Wer so seine Aggressionen ausleben konnte, fand vielleicht auch noch Zeit für körperlichen Kontakt.

Spät am Abend, nach etlichen Dosen Red Bult, fand auch ein junger Bildschirmkünstler die rechten Worte für eine Bewunderin: "Baby", beschwor er sein Gegenüber, "wir sind doch alle nur kybernetische Winde."

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